Obwohl ihm die Arbeit mit dem Meininger Hoforchester Erfolge brachte, drängte Max Reger auf Veränderung: Solche kleinen Städte, schrieb er, mit „Hof“ und dem Übergewicht des Militärs in gesellschaftlicher Beziehung, seien der Ruin des Künstlers. Im März 1915 kündigte er Karl Straube geradezu euphorisch an: „Jetzt beginnt der freie, jenaische Stil bei Reger.“ Dazu gehörten Pläne für ein neues Orgelwerk großen Stils. Bis Mitte Mai 1915 lag die Stichvorlage von Op. 135b vor; gewidmet wurde das Werk, wie schon Phantasie und Fuge in c-Moll Op. 29, Richard Strauss. Danach nahm Reger zahlreiche Kürzungen vor — ob auf Straubes Anregung, lässt sich nicht mehr klären, so dass die eigenhändig gekürzte Fassung als sein letzter Wille gilt.
Die Uraufführung wurde freundlich aufgenommen: Das neue Werk sei bedeutend und zeige den Orgelkomponisten Reger auf höchster Stufe, hieß es. Heinz Tiessen urteilte über die Berliner Aufführung zurückhaltender, die Phantasie sei „ein wenig sprunghaft“ und komme nicht recht in Fluss. Ähnlich wie in der Fuge über B-A-C-H verbindet Reger zwei Gegensätze: ein höchst melancholisches Thema in gleichmäßiger Viertelbewegung, aus Halbton und fallender Terz gebaut, und ein heiter-ironisches im 12/8-Takt mit fortlaufenden Sechzehnteln; am Ende vereint er beide und schließt mit einem majestätischen Akkordsatz in weit gedehntem Ritardando. Dasselbe Motiv — fallende kleine Sekunde, fallende Terz, fallende kleine Sekunde — bestimmt auch die Phantasie, die aus kurzen Episoden besteht: Akkordbrechungen, sich steigernde Sequenzen, lyrische Klagemotive, dunkle Tongeflechte im tiefen Register. Die Wiederkehr der anfänglichen Akkordbrechungen rundet sie ab.
Nach dem Umzug nach Jena arbeitete Reger im Wesentlichen als freier Komponist, konzertierte aber weiter und ließ sich oft an Orgeln kleinerer thüringischer Orte hören, häufig improvisierend. Der befreundete Meininger Organist August König beschrieb diese Improvisationen als grüblerisch und wehmütig, gewaltig im Klang neben Innigem und Zartem, „aber immer gekrönt, in oft fugierter Form, durch kraftvolle, siegesgewisse Choralgebundenheit“. Auf solche Konzerte gehen die Sieben Stücke Op. 145 zurück. Vier Sätze sind kirchlichen Festen zugeordnet, drei — Trauerode, Dankpsalm und Siegesfeier — Ereignissen des Ersten Weltkriegs, dessen Folgen Reger aus der Nähe erlebte: Er musste die Auflösung seiner früheren Meininger Hofkapelle mit ansehen und spielte zahlreiche Konzerte für arbeitslose Musiker, Soldaten und Flüchtlinge. Zeitgenossen wie Hermann Keller taten die Sammlung als Nebenwerk ab; Martin Schmeding hält dagegen, dass sie den Choral völlig anders einsetzt als die großen Phantasien.
Die Trauerode beginnt mit dem improvisatorischen Kontrast absteigender chromatischer Linien und aufgewühlter Akkordschwünge; den Mittelteil bildet eine ostinate Bassfigur, über der sich die Manualstimmen steigern, bevor eine reprisenartige Überleitung zum Choralsatz „Was Gott tut, das ist wohlgetan“ führt. Der dem deutschen Heere gewidmete Dankpsalm nimmt zunächst die Stimmung der Trauerode auf, wendet sie ins Positive und mündet in „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“. Weihnachten geht von der düsteren Stimmung „Das Volk, das im Finstern wandelt“ aus und führt über die Buße des Advents zu Engeln und Krippe mit „Vom Himmel hoch“ und „Stille Nacht“. Die dichte Passion ist ganz aus dem Choral „Herzliebster Jesu“ gearbeitet, Ostern stellt lautem Jubel eine Choraldurchführung im Pianissimo in höchster Lage gegenüber. In Pfingsten bleibt der Choral „Komm, heiliger Geist, Herre Gott“ zunächst im Schwebenden und wird chromatisch eingetrübt; die Eingangsakkorde der Siegesfeier erinnern mit ihren Synkopen an Regers letzte Choralphantasie „Halleluja! Gott zu loben“, ehe Motive aus „Nun danket alle Gott“ in den triumphalen Schlusschoral münden.
Unmittelbar nach den Aufnahmen zum zweiten Band spielte Martin Schmeding diese Werke am 24. und 25. April 2014 an derselben Walcker-Orgel in der Lutherkirche Wiesbaden ein; Registrantin war auch hier Annette Fabriz. Die romantisch-impressionistischen Klangfarben des Instruments korrespondieren mit dem vollständig im Jugendstil gestalteten Innenraum. Dass die Kirche 1979 auf der gegenüberliegenden Seite ein ebenfalls dreimanualiges Schwesterinstrument mit mechanischer Traktur erhielt, erweist sich für den seit 1977 ausgetragenen internationalen Orgelwettbewerb um den Bachpreis der Landeshauptstadt Wiesbaden als Glücksfall. Der Gesamteinspielung, die Schmeding zwischen 2014 und 2016 mit dem Tonmeister Ingo Schmidt-Lucas an historischen Sauer- und Walcker-Orgeln erarbeitete, liegen die Neuausgaben der Partituren im Carus-Verlag zugrunde. Dieser Band war für die International Classical Music Awards (ICMA) nominiert.
