Wie verändert sich Regers Orgelsprache, wenn sie denselben Gedanken über eine halbe Stunde oder in wenigen Minuten entfaltet? Die zweite Folge der Max Reger Edition stellt zwei 1913 entstandene Werke nebeneinander: Introduction, Passacaglia und Fuge in e-Moll op. 127 und die Neun Stücke op. 129. Martin Schmeding spielt beide an der Walcker-Orgel von 1911 in der Lutherkirche Wiesbaden. Die Gegenüberstellung lenkt das Ohr auf Proportionen, wiederkehrende Figuren und die bewegliche Verteilung der Klangfarben.
Opus 127 entstand für die Einweihung der Sauer-Orgel in der Breslauer Jahrhunderthalle. Die ausgedehnte Form verbindet eine kurze, kontrastreiche Introduction mit Passacaglia und Fuge. Schon der Beginn wechselt zwischen Akkordblöcken, virtuosen Läufen und leisen Oktavsprüngen. Die Musik setzt energisch ein, nimmt ihre Kraft zurück und lässt aus der erneuten Sammlung die nächste Steigerung entstehen.
Das Bassthema der Passacaglia verbindet tonale Festigkeit mit chromatischer Bewegung. Aus seinen Wiederholungen wächst eine Folge immer bewegterer Variationen; Stimmen antworten einander auf verschiedenen Manualen, Verzierungen und wechselnde Registerfarben lockern das Gefüge. Regers Denken in orchestralen Farben wird hier innerhalb eines Soloinstruments erfahrbar. Die anschließende Fuge gliedert ihren weiten Verlauf in klar unterschiedene Abschnitte und führt das Hauptthema mit einem lyrischen Gegenthema zum gemeinsamen Schluss.
Die Neun Stücke op. 129 greifen viele dieser Verfahren im kleineren Maßstab auf. Toccata und Fuge in d-Moll eröffnen die Sammlung, Präludium und Fuge in h-Moll beschließen sie. Dazwischen stehen Kanon und Melodia, das zunächst verspielt wirkende, zunehmend lyrische Capriccio sowie Basso ostinato und Intermezzo. Im Basso ostinato trägt eine nur zweitaktige Bassfigur eine kurze Steigerung, die nach ihrem Höhepunkt rasch zurücksinkt. Das Intermezzo erhält durch den Wechsel zwischen Vierer- und Dreiertakt und chromatisch fallende Linien seine schwebende, melancholische Bewegung.
Die Wiesbadener Walcker-Orgel verbindet die Grundstimmen der deutschen Spätromantik mit einer helleren Disposition im Sinne der elsässischen Orgelreform. Verschmelzungsfähige Zungen, repetierende Mixturen und ein kräftiges Schwellwerk mit französisch geprägten Registern erweitern ihre Ausdrucksmittel. Diese Verbindung passt zu einer Musik, die große Steigerungen und deutlich voneinander abgesetzte Stimmen gleichermaßen verlangt.
Die Gegenüberstellung führt von den langen Entwicklungen des op. 127 bis zu den feinen Charakterwechseln der kürzeren Stücke. Klangfülle, Artikulation und die Balance im Kirchenraum gehören dabei zusammen. Die in DSD produzierte Einspielung ist in Stereo und 5.1-Surround sowie in einer 3D-Binaural-Fassung für Kopfhörer zu hören. So lässt sich die Beziehung zwischen musikalischer Linie, Registerfarbe und räumlicher Ausbreitung aus unterschiedlichen Hörperspektiven verfolgen.
