Vier Werke aus den Jahren 1899 bis 1901 zeigen, wie weit Max Reger die Ausdrucksmöglichkeiten der Orgel auffächert. Die erste Folge der Gesamtedition reicht von der konzentrierten Anlage der Introduction und Passacaglia in d-Moll bis zu den wechselnden Klangzuständen der Symphonischen Phantasie und Fuge. Martin Schmeding spielt an der großen Wilhelm-Sauer-Orgel im St. Petri Dom Bremen, deren vier Manuale und vielfältige Registermischungen dieser Musik einen beweglichen, zugleich tragfähigen Klanggrund geben.
In der Phantasie und Fuge über B-A-C-H op. 46 sind die vier Töne weit mehr als eine Namenssignatur. Ihre chromatische Spannung setzt harmonische und melodische Entwicklungen in Gang; das Motiv kehrt in wechselnden Gestalten wieder, verdichtet sich und treibt die Steigerungen voran. Auf den ruhigen, gesanglichen Beginn der Fuge folgt ein bewegteres Achtelthema. Mit der Verbindung beider Themen und der allmählichen Beschleunigung wächst die Musik zurück in die Kraft der eröffnenden Akkorde.
Die Introduction und Passacaglia WoO IV/6 bündelt verwandte Kräfte auf kleinerem Raum. In der Einleitung unterbricht ein lyrischer, mehrstimmiger Abschnitt die markanten Akkordblöcke. Dann beginnt die Passacaglia mit dem unbegleiteten Bassthema. Über seinem wiederkehrenden Verlauf verdichtet sich die Bewegung bis zu Oktavläufen und Pedaltrillern: Ein gleichbleibender Ausgangspunkt trägt eine stetig veränderte Klanggestalt.
Die Symphonische Phantasie und Fuge op. 57 entfaltet eine andere, sprunghaftere Dramaturgie. Dantes Inferno gab die Anregung; eine festgelegte Handlung ist damit nicht verbunden. Kurze Abschnitte, abrupte Registerwechsel und große Crescendi treffen auf einen langsamen, von chromatischen Seufzermotiven geprägten Mittelteil. Die Fuge entwickelt aus lebhaftem Hauptthema und lyrischem Gegenthema vier deutlich unterschiedene Abschnitte. So gewinnt das symphonische Denken innerhalb der kontrapunktischen Form Gestalt.
Die Zweite Sonate in d-Moll op. 60 schließt mit einer stärker gegliederten Anlage an. Hinter dem Titel Improvisation steht ein Kopfsatz mit kontrastierenden Themen und ihrer Verarbeitung. In der Invocation führt die kantable Solostimme durch harmonische Spannungen und eine große Steigerung zum Choral Vom Himmel hoch. Das Finale verbindet eine scherzohafte Introduction mit einer energischen Fuge.
Das Programm verlangt weiten Atem in der Formgestaltung und Aufmerksamkeit für die einzelnen Stimmen und Farbwechsel. Die 1894 erbaute und 1905 erweiterte Sauer-Orgel bietet dafür ein Spektrum von Flöten- und Streicherstimmen bis zu kräftigen Zungenregistern. Die DSD-Aufnahme liegt in Stereo, 5.0-Surround und als 3D-Binaural-Stereo für Kopfhörer vor. Neben den Bewegungen im Satz wird damit auch der Bremer Dom als Resonanzraum Teil des Hörens.
