Bachs Clavierwerk sei so reichhaltig, schreibt Fritz Siebert im Begleitheft, dass jeder Auswahl eine gewisse Beliebigkeit anhafte; er hat deshalb Formen gewählt, die für Bach exemplarisch sind. Die sieben Manualiter-Toccaten BWV 910–916 stehen im Schatten der bekannten Pedaliter-Toccaten, richten sich aber an dieselben Instrumente: Cembalo oder Clavichord, mit oder ohne Pedal, auf denen Organisten übten, weil das Spiel auf der Kirchenorgel mehrere Kalkanten erforderte. Vorbilder waren das norddeutsche Orgelpräludium und die zwölf Toccaten aus Georg Muffats „Apparatus musico-organisticus“. Die Toccaten, darunter die Toccata in D-Dur BWV 912, sind nur in Abschriften überliefert, entstanden zwischen 1705 und 1709 und verbinden Abschnitte im Stylus fantasticus mit Arioso, Concerto-Sätzen und Fugen.
Die Suite in e-Moll „aufs LautenWerck“ BWV 996 ist in einer Abschrift Johann Gottfried Walthers überliefert, die auf Bachs Weimarer Jahre deutet. Das Lautenwerck war ein Cembalo mit Darmsaiten statt Eisen- oder Messingsaiten, klanglich der Laute nahe und wegen seiner geringen Lautstärke zum Üben und für die Hausmusik beliebt. Präludium und Fuge in a-Moll BWV 894 entstand wohl um 1713/14, als Bach Hoforganist in Weimar war; später wurden beide Sätze zu den Ecksätzen des Tripelkonzerts in a-Moll BWV 1044. Bach verwendet eine vielgliedrige Ritornellform, deren Vorbilder eher bei Tomaso Albinoni als bei Antonio Lucio Vivaldi liegen: Das Präludium mündet in eine Kadenz aus Zweiunddreißigstel-Läufen, und in der Fuge im 12/16-Takt herrscht das Thema so sehr, dass es kaum zu eigentlichen Gegenstimmen kommt.
Die Partita Nr. 4 in D-Dur BWV 828 stammt aus dem ersten Teil der Clavier-Übung, Bachs erster Veröffentlichung überhaupt. Ab 1726 gab er die sechs Partiten einzeln im Selbstverlag heraus, 1731 gesammelt, „Denen Liebhabern zur Gemüths Ergoetzung“ und damit auch für das an Hausmusik interessierte Bürgertum. Anknüpfungspunkte waren Johann Kuhnaus „Neue Clavier Übung“ und wohl auch Georg Friedrich Händels „Suites de Pièces pour le Clavecin“ von 1720. Im vermischten Geschmack rücken die Tänze in die Nähe von Charakterstücken: Die Ouverture stellt einer französischen Ouvertüre eine Fuge im italienischen Stil gegenüber, und die Giguen der Partiten sind großenteils zugleich zweiteilige Fugen.
Fritz Siebert studierte Cembalo bei Zvi Meniker in Hannover, bei Ketil Haugsand in Köln und bei Christian Rieger an der Folkwang-Hochschule Essen, wo er 2007 das Konzertexamen ablegte. Bis 2013 war er Cembalist des Kölner Ensembles NeoBarock, 2010 gründete er in Hannover die Konzertreihe TASTENMUSIK, und 2013 spielte er zweimal alle vier Teile der Clavier-Übung. Er nahm das Programm vom 30. März bis 1. April 2015 im Kirchenzentrum Kronsberg auf, auf einem Cembalo, das Burkhard Zander 1999 in Deutz am Rhein nach Ruckers/Couchet (Antwerpen, Mitte des 17. Jahrhunderts) gebaut hat. Die Einspielung stand auf der Longlist 1/2016 des Preises der deutschen Schallplattenkritik.
