Günther Becker prägte keinen einheitlichen Stil, sondern nutzte jede neue Komposition für eine andere ästhetische Fragestellung — so beschreibt Dominik Susteck im Begleitheft das Werk, das hier vollständig vorliegt. Vier Stücke aus vierundzwanzig Jahren spiegeln wichtige Stationen der neueren Orgelmusik, halten dabei aber, wie Oskar Gottlieb Blarr schreibt, eine nahezu aristokratische Distanz zu jeder Anbiederung an gängiges Vokabular; weder das Vorbild Olivier Messiaens noch die kritische Gegenposition Kagels und Ligetis hat Becker übernommen.
Meteoron von 1969 entstand für die „Woche geistlicher Musik der Gegenwart“ in Kassel, wo Werner Jacob es uraufführte. Der Titel nennt das Hauptkloster auf den Meteora-Felsen im westlichen Thessalien; das Klangmaterial stammt aus byzantinischen Pfingstgesängen, die auf Tonband aufgezeichnet und transformiert eine Gesamtstruktur bilden, welche Orgel und Schlagzeug immer wieder unterbrechen. Becker greift damit den rhythmisch freien, von der elektronischen Musik beeinflussten Stil auf, den 1961 Mauricio Kagels Improvisation ajoutée, György Ligetis Volumina und Bengt Hambraeus’ Interferenzen begründet hatten.
Nach diesem monumentalen Erstling rückt die Auseinandersetzung mit alter Musik ins Zentrum. A la mémoire de Josquin, für Klaus Martin Ziegler geschrieben und ebenfalls in Kassel uraufgeführt, verwendet deutlich erkennbare Zitate aus Messen von Josquin des Prez — Tu pauperum refugium und die Missa da pacem je zweimal, dazu Ave Christe, immolate und die Missa pange lingua. Jede homophone Stelle ist anders registriert; die Musik beginnt mit einem Zentralklang, der sich aus seiner statischen Struktur löst, und gewinnt ihre Dramaturgie aus einer Intensität, die von den Josquin-Zitaten unterbrochen wird. Becker hatte diese Musik während seines Studiums bei Kurt Thomas in Detmold kennengelernt.
Die Drei kleinen Orgelstücke von 1978 entstanden als Zwischenspiel eines geistlichen Konzerts anlässlich der Holzplastik „Mutter und Kind“ von Hans Schweizer. Akkorde in verschiedenen Grauabstufungen und sich beschleunigende Trillerfiguren prägen die Meditation I; die Litanei hat rezitativischen Charakter; in der Meditation II stellt Becker Zitate aus Gertrud von le Forts Gedicht „Litanei zur Regina Pacis“ neben geräuschhafte Cluster — die atonale Schicht bäumt sich auf, die textbezogene tonale Schicht bleibt in stoischer Gelassenheit. Nach langer Pause folgte 1993 mit den Interpolationen das letzte Orgelwerk, eine freie Toccata, geschrieben für Werner Jacob in Nürnberg.
Becker studierte von 1946 bis 1949 Kapellmeister bei Gerhard Nestler in Karlsruhe, Komposition von 1948 bis 1956 bei Wolfgang Fortner in Heidelberg und Detmold sowie Chorleitung bei Kurt Thomas. Von 1956 bis 1968 lebte er in Griechenland, unterrichtete in Athen und baute 1962 am dortigen Goethe-Institut ein Studio für Neue Musik auf. Zurück in Deutschland gründete er 1969 in Essen die live-elektronische Gruppe „Mega-Hertz“; von 1971 bis 1974 war er Präsident der deutschen Sektion der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik, ab 1973 lehrte er am Düsseldorfer Robert-Schumann-Institut, das ihn ein Jahr später zum Professor berief. Die Aufnahme entstand am 28. März sowie am 21. und 22. Mai 2008 an der dreimanualigen Sauer-Orgel von 2004, der „Europa-Orgel Felix Mendelssohn“ der Auferstehungskirche Düsseldorf-Oberkassel, deren Disposition wesentlich auf Oskar Gottlieb Blarr zurückgeht.
