Nach der Überlieferung Johann Nikolaus Forkels komponierte Bach die Variationen für den russischen Gesandten Hermann Carl von Keyserlinck in Dresden, dessen Cembalist Johann Gottlieb Goldberg dem kranken Grafen damit die schlaflosen Nächte vertreiben sollte. Gerd Zacher, dessen Werkeinführung von 1995 das Begleitheft enthält, gibt zu bedenken, dass der Druck nach neueren Forschungen um 1741 anzusetzen ist, eine förmliche Widmung fehlt und Goldberg damals erst 14 Jahre alt gewesen wäre; vermutlich widmete Bach dem Grafen bei einem Besuch in Dresden ein Exemplar. Das Thema, eine Sarabande, stammt aus dem „Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach“.
Die 30 Variationen zwischen der Aria und ihrer Wiederholung bilden zwei Hälften zu je 15, die zweite eröffnet eine Ouverture. Jede Hälfte besteht aus fünf Dreiergruppen: einem virtuosen Duo, einem Kanon zweier Oberstimmen über begleitendem Bass und einem Charakterstück. Die Kanons wachsen vom Einklang bis zur None, die Nummer der Variation, geteilt durch drei, ergibt jeweils das Intervall; am Ende steht das vierstimmige Quodlibet über drei Volksliedzeilen. Zacher sieht in der großen Form eine Art Riesen-Passacaglia und hört in Variation 1 eine Polonaise als Huldigung an den russischen Gesandten.
Martin Schmeding versteht seine Orgelfassung als konsequente Erweiterung der Cembalofassung: Die Vielfalt der Registerkombinationen soll die Affekte und die oft abrupten Kontraste der Variationenfolge plastisch hervortreten lassen. Die Duos steigert er von Mal zu Mal, von den Flöten zu 8 und 4 Fuß in Variation 5 bis zu zwei gegenübergestellten Mixturplena in Variation 29. Variation 3 erklingt als französisches Trio mit Jeu de Tierce und Basse de Voix Humaine, Variation 16 als Französische Ouvertüre mit den Grands Jeux, Variation 21 mit beiden Tremulanten zugleich, das Quodlibet im großen Plenum mit 32-Fuß-Pedal; die wiederkehrende Aria singt auf der Unda maris. Wiederholungen spielt er in beiden Teilen einer Variation oder in keinem, um die Proportionen zu wahren.
Gottfried Silbermann starb 1753 während des Baus der Hofkirchenorgel; seine Schüler Zacharias Hildebrandt und Johann Oehme sowie sein Neffe Johann Daniel Silbermann vollendeten das Instrument, das am 2. Februar 1755 eingeweiht wurde. Wolfgang Amadeus Mozart lobte es 1789 in einem Brief an seine Frau. 1944 wurde das Pfeifenwerk kurz vor der Bombardierung Dresdens ins Kloster Marienstern ausgelagert, Gehäuse und Balganlage verbrannten. Nach der Rekonstruktion durch Jehmlich (1964–1971) stellten Wegscheider und Jehmlich 2001/2002 die historische Balganlage und die ursprüngliche Stimmtonhöhe von 415 Hz wieder her.
Martin Schmeding, 1975 in Minden geboren, war von 2002 bis 2004 Kreuzorganist in Dresden und wurde 2004 Professor für Orgel an der Hochschule für Musik Freiburg. Er nahm die Variationen vom 31. März bis 3. April 2009 in der Kathedrale auf. Neben dem ECHO Klassik erhielt die Einspielung „5 Diapason“ der Zeitschrift Diapason und „La Clef“ von ResMusica; Organ – Journal für die Orgel nannte sie eine Referenz-Einspielung.
