Die Edition „Künstler im Gespräch“ will, wie Mirjam Wiesemann im Begleitheft schreibt, den Zugang zum Menschen hinter dem Kunstwerk öffnen: zu seinen Lebensumständen, seiner Familie und der politischen Situation seiner Zeit. Den Auftakt bildet Karl Amadeus Hartmann (1905-1963). Nach 1933 verzichtete er auf Aufführungen in Deutschland und zog sich in die innere Emigration zurück; im Krieg vergrub er seine Manuskripte. 1945 gründete er in München die Konzertreihe Musica Viva, die er bis zu seinem Tod leitete.
Die beiden Streichquartette, kurz nach 1933 und kurz nach 1945 entstanden, bilden nach Hanns-Werner Heister eine Art Rahmen in Hartmanns Werk. Das 1. Streichquartett „Carillon“ (1933), dem Dirigenten Hermann Scherchen gewidmet, verdankt seinen Beinamen einem 1. Preis der Genfer Kammermusik-Vereinigung „Carillon“ von 1936; das jüdische Lied „Elijahu ha-navi“ eröffnet den Kopfsatz als Fugato und kehrt im Finale wieder. Das 2. Streichquartett (1945-48) schrieb Hartmann für seine Frau Elisabeth, und der Schrecken von Nazizeit und Krieg hallt darin nach. Der zweite Satz, ein großer instrumentaler Klagegesang, endet in Es-Dur; das Presto-Finale beginnt mit einer viertönigen Geste, die sich auf „E-li-sa-beth“ singen ließe, und die Tonfolge F-E-G-H grüßt das Végh-Quartett, das beide Quartette uraufführte.
Zweimal band Hartmann das Streichquartett in eine größere Besetzung ein; beide Werke wurden erst nach seinem Tod uraufgeführt. Im Kammerkonzert (1930-1935), „im Geist und in Verehrung für Zoltan Kodaly geschrieben“, tritt die Soloklarinette virtuos hervor, und Motive aus Kodalys Tänzen aus Galanta, das Arbeiterlied „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ und jüdische Melismatik verschränken sich. Sein Kleines Konzert (1931-32) für Streichquartett und Schlagzeug, hier erstmals auf Tonträger, filtert Anklänge an Marsch- und Zirkusmusik durch Verfremdungsverfahren Strawinskys, für Heister eine Art musikalischer Fauvismus; ein Adagio mit zarten Flageolett-Tönen bildet den Gegenpol.
Drei Tondokumente ergänzen die Musik. Um 1962 sprach Hartmann auf Anregung von Otto Tomek über sich selbst, über Arnold Schönberg, sein Concerto funebre, die Oper sowie Kunst und Politik; die Bandaufnahme erscheint hier erstmals, restauriert und ungekürzt. 1994 führte der Musikhistoriker Ulrich Dibelius, ein Freund der Familie, ein rund achtstündiges Gespräch mit Elisabeth Hartmann, das er privat auf Kassette mitschnitt; die Auswahl reicht von der Hochzeitsreise über die Kriegsjahre bis zu Hartmanns Tod. Am 31. Juli 2009 schließlich erzählte der Sohn Richard P. Hartmann Mirjam Wiesemann in seiner Münchner Wohnung vom Leben mit dem Vater.
Das DoelenKwartet mit Frank de Groot, Maartje Kraan, Karin Dolman und Hans Woudenberg lernte Hartmanns Musik im Hartmann-Jahr 2005 kennen und zog für die Quartette neben der Schott-Ausgabe die Handschriften aus der Bayerischen Staatsbibliothek heran. Es nahm die Quartette im Juni 2009 in der Dorpskerk in Rhoon auf; die Konzerte mit Wilbert Grootenboer (Schlagzeug), Arjan Woudenberg (Klarinette), Sinfonia Rotterdam und Conrad van Alphen entstanden im April 2008 in De Doelen, Rotterdam, das Kammerkonzert als Liveaufnahme. 2010 erhielt das Album den ECHO Klassik als Surround-Einspielung des Jahres.
