Die drei Komponisten dieser SACD gehören zu der Generation russischer Künstler, die im revolutionären Umbruch der 1910er Jahre hervortrat. Ihr wichtigster Anreger war Alexander Skrjabin, der um 1909/10 zur Atonalität vorgestoßen war und Harmonik wie Melodik aus einem einzigen Klangzentrum, dem „mystischen“ Akkord, gewann. Nach wenigen Jahren relativer Freiheit begann um 1929 die Maßregelung der „revolutionären“ Komponisten; wer nach 1917 emigriert war, geriet im Westen in Isolation. Seit den 1970er Jahren wird dieses Repertoire wiederentdeckt, in Deutschland maßgeblich durch Juan Allende-Blin. Er holte Thomas Günther 1983 in die Konzertreihe „Symbolismus – Futurismus“ der Berliner Festwochen, wo Günther bereits Protopopovs Sonaten Nr. 2 und 3 und Wyschnegradskys Etude sur le Carré Magique Sonore Op. 40 spielte.
Nikolaj Obuchov, 1892 in Kursk geboren und in St. Petersburg ausgebildet, fand um 1915 unabhängig von Schönberg zu zwölftönigen Harmoniekomplexen, die er in einer eigenen vereinfachten Notenschrift festhielt. Seit 1919 lebte er, von Maurice Ravel gefördert, in Paris und arbeitete an dem riesigen Oratorium „Livre de Vie“, das unvollendet blieb. Seine Stücke von 1915 und 1916 sind aphoristisch kurz und reichen dynamisch vom pppppp bis zum ffff: Conversion erzählt in vier Miniaturen die Läuterung einer verbrecherischen Seele, Icone schlägt erstmals einen ausdrücklich religiösen Ton an, Création de l’Or I und II lassen an Debussys Etüden denken.
Die späten Stücke aus den 1940er Jahren rückt Günther in das Umfeld des „Livre de Vie“: Ihre Titel stammen aus der ostkirchlichen Mystik, ihre Form baut sich aus „Zellen“ harmonischer Komplexe auf. Das Hauptwerk, Adorons Christ – Fragment du troisième et dernier Testament, legt die Apokalypse des Johannes zugrunde; nach „Blitz“ und „Donnerschlag“ folgen Abschnitte wie Immolation de l’Agneau oder Rédemption, bis drei chromatische Cluster im höchsten Register den Schluss bilden. Pianistisch, schreibt Günther, sprengt das Stück fast den Rahmen des Möglichen.
Ivan Wyschnegradsky, seit 1923 in Paris ansässig, arbeitete ab 1918 mit Vierteltönen und anderen Mikrointervallen. Seine Deux Préludes pour Piano Op. 2 von 1916 klingen noch spätromantisch, zeigen aber schon einen souveränen Umgang mit Polyrhythmik. Die halbtönige Etude sur le Carré Magique Sonore Op. 40 vom Juli 1957 beruht auf einem „magischen Quadrat“ aus sechs Takten, das waagerecht wie senkrecht gelesen dieselbe Folge ergibt; die große Septime übernimmt darin die Rolle der Oktave. Sergej Protopopov, Schüler des Theoretikers Boleslav Javorskij, war 1934 bis 1936 in Arbeitslagern inhaftiert. Seine einsätzige II. Sonate Op. 5 von 1924 gewinnt ihr Material aus Javorskijs Lehre vom Tonartenrhythmus; härter und blockhafter als Skrjabins Musik, trägt sie die Vortragsanweisung minaccioso.
Thomas Günther spielte das Programm vom 1. bis 4. November 2008 im Kammermusiksaal des Deutschlandfunks in Köln ein, in Co-Produktion mit dem Deutschlandfunk. Die SACD erschien 2009 als erste von vier Folgen der Reihe; das Begleitheft enthält neben Günthers Werkkommentar Biographien der Komponisten von Mark Ziegler. Die Reihe wurde für den Preis der deutschen Schallplattenkritik (Jahrespreis 2016) nominiert und 2017 mit dem ECHO Klassik in der Kategorie „Solistische Einspielung des 20./21. Jahrhunderts“ ausgezeichnet.
