„Nicht Bach, sondern Meer sollte er heißen“: Der Ludwig van Beethoven zugeschriebene Ausruf, mit dem Kerstin Schüssler-Bach ihren Text im Begleitheft beginnt, gilt zunächst dem unerschöpflichen Reichtum aus der Feder des Thomaskantors. Doch Johann Sebastian Bach gab seine Begabung auch weiter: Von seinen 20 Kindern erreichten zehn das Erwachsenenalter, vier Söhne wurden erfolgreiche Komponisten. Er selbst stammte aus einer traditionsreichen Musikerfamilie. Sein Cousin zweiten Grades Johann Bernhard Bach war Organist in Erfurt und Magdeburg, bevor er 1703 als Organist und Cembalist nach Eisenach wechselte, wo unter Musikdirektor Georg Philipp Telemann das Musikleben aufblühte und Herzog Johann Wilhelm ihn förderte. Von seinen Werken blieb wenig erhalten, darunter vier Ouvertüren im französischen Suitenstil; Johann Sebastian ließ sie für sein Collegium Musicum in Leipzig abschreiben und bewahrte sie so für die Nachwelt. Die Ouvertüre für Violine, Streicher und b.c. in g-Moll verbindet höfische Tänze aus Frankreich wie Loure und Passepied mit italienischer Virtuosität im „vermischten Geschmack“.
Carl Philipp Emanuel Bach, der zweitälteste Sohn, hatte nach eigenem Bekunden nie einen anderen Lehrer als seinen Vater, wandte sich aber bald neuen Einflüssen zu und radikalisierte den aufkommenden galanten Stil. Als langjähriger Hofmusiker Friedrichs des Großen verkehrte er mit den klügsten Köpfen seiner Zeit; der Vater fand die neue Manier befremdlich und nannte Emanuels Stücke „Berliner Blau, das verschießt“. In Hamburg, wo er Telemann als Musikdirektor nachfolgte, schrieb er 1773 die sechs Hamburger Sinfonien, knappe Stücke für Streichorchester voller plötzlicher Stimmungsumschwünge. Auftraggeber war Baron Gottfried van Swieten, der spätere Mäzen Haydns und Mozarts; er bat den Komponisten, sich ganz gehen zu lassen, ohne auf die Schwierigkeiten der Ausführung Rücksicht zu nehmen. Die Sinfonie Nr. 5 in h-Moll Wq 182/5 antwortet darauf mit originellen Wendungen, schroffen Dialogen und kühnen Kontrasten.
Johann Christian Bach, der jüngste Sohn, war über 20 Jahre jünger als sein Halbbruder Carl Philipp Emanuel und ging als „Mailänder“ oder „Londoner Bach“ in die Musikgeschichte ein. Mit noch nicht 15 Jahren verlor er den Vater und zog zu Emanuel nach Berlin. Als Einziger der Familie interessierte er sich besonders für die Oper; in Italien trat er zum katholischen Glauben über, 1762 ging er als Musikmeister der Königin nach London. Dort gab er dem achtjährigen Wolfgang Amadeus Mozart spontan Unterricht, und seine Sinfonie in g-Moll Op. 6 Nr. 6 scheint direkt auf Mozarts frühe Sinfonie in derselben Tonart, KV 183, abgefärbt zu haben. Fieberhaftes Vorwärtsdrängen, kraftvolle Unisoni, aufgeregte Tremoli und weite Sprünge prägen die Ecksätze, und auch der Mittelsatz in Moll spiegelt emotionale Unruhe; greifbar wird hier, dass die Gattung aus der italienischen Opernouvertüre hervorging. Sehr wahrscheinlich erklang die Sinfonie zuerst in den 1760er Jahren bei den Bach-Abel-Konzerten, die Johann Christian mit dem Gambenvirtuosen Carl Friedrich Abel veranstaltete.
Als Kammermusiker, Konzertmeister und Kapellmeister in Weimar und Köthen kannte Johann Sebastian Bach die Konzertliteratur seiner Zeit genau. Das Concerto für Oboe, Violine, Streicher und b.c. in c-Moll BWV 1060 ist nur als Fassung für zwei Cembali überliefert; die Urgestalt für zwei Melodieinstrumente, wahrscheinlich Oboe und Violine, entstand vermutlich um 1720 in Köthen und wurde erstmals um 1920 rekonstruiert. Die Violine spielt schnelle Arpeggien und Sechzehntel, die Oboe singt Kantilenen, im Adagio schweben beide über einer zurückhaltenden Begleitung. Die Oboe spielt Pavel Strugalev, seit 2000 Solo-Oboist der Neuen Philharmonie Westfalen; das Orchester entstand 1996 aus der Fusion der Orchester von Recklinghausen und Gelsenkirchen und arbeitet seit 2014 eng mit Bernhard Forck zusammen, dem Konzertmeister der Akademie für Alte Musik Berlin, der von 2007 bis 2019 auch das Händelfestspielorchester Halle leitete. Aufgenommen wurde vom 4. bis 6. Mai 2021 im Großen Saal der Neuen Philharmonie Westfalen in Recklinghausen; das Album erschien 2023 in der Special Collection von hd-klassik.
