Das Klavier, schreibt Jean-Pierre Leguay im Begleitheft, war sein erstes Instrument — eine ferne, aber unauslöschliche Morgendämmerung. Er nennt die Klaviere, die ihn geprägt haben: Chopins klangvolles, extravagantes Spiel ohne Schwere, Schuberts verweilender Gesang, Mussorgskys ungeschminkte, manchmal steinige Menschlichkeit, Bartoks orchestrales Denken, dazu Liszt, Skrjabin, Debussy, Ravel. Neben den Solowerken hat er das Klavier immer wieder mit anderen Instrumenten verbunden, mit Orgel, Bläserquintett, Saxophon, Ondes Martenot und Schlagzeug. Der Durchbruch zum großen Solostück gelang ihm nach eigener Auskunft erst mit Azur (1990-1991), nachdem ein früher Versuch aus der Messiaen-Klasse liegen geblieben war.
Momenti entstand im Juni und Juli 2022 für Sabine Sauer. Den Anstoß gaben Veröffentlichungen von Improvisationen, die Leguay an der großen Orgel von Notre-Dame, am Klavier beim Festival de Musique Improvisée in Lausanne und zuletzt an zwei Klavieren mit Samuel Liégeon aufgenommen hatte. Das Stück sollte rasch entstehen, seine Schritte von der Dringlichkeit und Unmittelbarkeit der Improvisation bestimmt; im Hinterkopf, so Leguay, hatte er die Impromptus von Schubert, Fauré und Skrjabin. Jeder „Moment“ wurde so lange bearbeitet wie nötig; drängte es weiter, überließ er die Antwort den Quellen der Improvisation und prüfte sie erst danach.
Envol, im April und Mai 2020 für Valéry Aubertin geschrieben, besteht aus sieben kurzen Stücken: sieben Etappen, die durchlaufen werden, ohne zu verweilen, Standbilder und mögliche Ausgangspunkte, deren Fortsetzung offen bleibt. Bei der Festlegung der Reihenfolge ließ Leguay Überschneidungen zwischen den Episoden zu — verlangsamte oder vergrößerte Figuren, Schneeregen, Glocken kehren von einem Stück ins andere zurück. Chant pour Gabriel und Chant pour Inès sind für seine 2015 und 2017 geborenen Enkelkinder entstanden.
Allume l’aube dans la source geht auf den Klavierpart von Cendres d’ailes zurück, vier Melodien für Tenor und Klavier; den Titel fand Leguay erst nach der Komposition bei Paul Éluard. Aus den drei unmittelbar daraus hervorgegangenen Stücken wuchs eine zweite Dreiergruppe, die mit der ersten verwoben ist: zwei knappe, einschneidende Stücke, zwei weitläufige rhapsodische und zwei langsame, kontemplative. Sabine Sauer, seit 2014 Klavierdozentin an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart, kennt Leguay seit Langem; 2017 richtete sie in Bad Cannstatt ein Porträtkonzert aus, bei dem er selbst an der Orgel improvisierte. 2020 reifte der Plan, alle noch nicht eingespielten Klavierwerke aufzunehmen. Die Einspielung erhielt den Opus d’Or Award von opushd.net.
