Das Klavier spielt in jedem dieser fünf Kammermusikwerke eine zentrale Rolle, entweder indem es sich selbst ausweitet — wie in Sonnantes zu vier Händen — oder als Teil unterschiedlichster Instrumentenkombinationen. Es tritt in Dialog, behauptet sich, schmeichelt sich ein, lodert auf, flüstert. Als tragende Säule des Programms bringt es die verschiedenen Welten der Werke zum Erblühen und wird von ihnen zugleich bereichert; jeder Partner, einzeln oder kollektiv, ist Ausdehnung, Vervielfachung und Ansporn zugleich. So beschreibt Jean-Pierre Leguay im Begleitheft die Anlage dieser Werkschau.
Sonnantes entstand von hinten: Das letzte der vier Stücke schrieb Leguay zur Hochzeit seines Sohnes Jérémie mit Miriam. Jérémie hat ein gutes musikalisches Ohr, ist aber kein Pianist — die Aufgabe bestand darin, zwei ungleiche Schwierigkeitsgrade zu verbinden und diese Hierarchie nicht zu verstecken, sondern als Quelle zu nutzen. Der leichtere Primo-Part mit seinen wiederkehrenden Figuren und Glockenspielen krönt die Gesten des Secondo, der einen weiten Bereich der Klaviatur beansprucht. In den drei 2014 für seine Frau Annie geschriebenen Stücken sind die Rollen vertauscht; obwohl später komponiert, führen sie zum vierten hin. Die Trois esquisses für Flöte gibt es in zwei Fassungen, die auf dieser Aufnahme beide zu hören sind: die Flöte allein, deren Aussage sich selbst genügt, und den Dialog mit dem Klavier, das als Dekor, Spiegel und Gesprächspartner hinzutritt.
Le matin sûrement va venir geht auf eine Fassung von 1977/78 für Ondes Martenot, Klavier und Schlaginstrumente zurück. Weil die Begeisterung für die Ondes nachgelassen hatte, überarbeitete Leguay das Stück 2020 und ersetzte sie durch das ebenso schmiegsame Altsaxophon. Am Ende höhlt sich die Äußerung aus, tendiert zur Stille und löst sich im Flimmern des Tamtams auf, das lange allein weitervibriert. Der Titel stammt von Rabindranath Tagore und benennt eine Inspiration, kein Programm. À Deux für Vibraphon und Klavier ist dagegen die Freude an der Unterhaltung: einfach da sein, Klang teilen und austauschen. Nach einem Vibraphon-Prolog wechseln Dialog und Verflechtung der beiden Klangfarben — À Deux, nicht Duo, betont die Nähe.
Jubilus für sechs Instrumentalisten — Flöte und kleine Flöte, Oboe und Englischhorn, Klarinette und Bassklarinette, Violine, Klavier und ein Schlagzeuger mit Woodblock, Tempelblocks, Bongos, Tumba und Vibraphon — folgt einer Dreiteiligkeit, die Leguay im Ablauf jeder Aktion wiederfindet: Impuls, Verlauf, Ruhe oder Schwungkraft, Flugbahn, Erlöschen. Dasselbe gilt für den gregorianischen Allelujagesang mit Intonation, Jubilus und Finalis. Es musizieren Sabine Sauer und Lili Bogdanova (Klavier), Christina Singer (Flöte), Nikola Lutz (Altsaxophon), Lucas Gerin (Schlaginstrumente), Nozomi Hiwatashi (Vibraphon) sowie Mitglieder des SWR Symphonieorchesters unter Junyoung Kim.
