Musik ist Sprache, schreibt das Begleitheft, und darüber hinaus ein Geschenk und ein Speicher für Bilder, Situationen und Erinnerungen. Genau solche Gaben durchziehen dieses Album: Widmungen, Hommagen, In memoriams. Ihre Fürsprecher sind zwei vielsaitige Instrumente — die Campanula, ein Streichinstrument mit Resonanzsaiten, und die Harfe. Michael Denhoff, Cellist und Komponist, spielt die Campanula seit ihren ersten Jahren, in den Werken für zwei Instrumente ist Ute Blaumer seine Partnerin an der Harfe.
Am Anfang steht Günter Bialas’ Albumblatt GS von 1985, entstanden zum 70. Geburtstag des Musikpädagogen Gotthard Speer, der wie Bialas in Schlesien geboren wurde. Durch das Stück schimmert immer wieder das schlesische Volkslied „Und in dem Schneegebirge“, oft in entrückten Flageolett-Tönen. Für Denhoff war Bialas einer der ersten Mentoren — nie offizieller Lehrer, aber seit der ersten Begegnung im Alter von dreizehn Jahren so etwas wie ein Lehrer-Schüler-Verhältnis, aus dem eine Freundschaft wurde. Das Albumblatt war zugleich das allererste Werk, das Denhoff 1985 mit Bialas’ ausdrücklicher Zustimmung auf der eben erfundenen Campanula uraufführte.
Den größten Teil des Programms bilden dreizehn Nummern aus Denhoffs Strophen — das Melodienprojekt Op. 107 von 2009. Viele dieser Strophen sind Personen zugedacht, charakterisieren sie oder sollen zu ihnen sprechen; die Titel nennen Clara, Béla Bartok und György Kurtag, Morton Feldman, Erik Satie, Danjulo Ishizaka. Dass die künstlerische Miniatur Denhoff fasziniert, zeigt auch seine Beschäftigung mit dem Haiku. Aus derselben Neigung kommen die Acht Intermezzi Op. 112 für Campanula und Harfe von 2014, die er selbst „acht skizzenhafte Miniaturen“ nennt. Dazwischen stehen die Sarabande aus Bachs Suite Nr. 2 in d-Moll BWV 1008 und drei Stücke aus György Kurtags offener Sammlung Signs, Games and Messages, deren knappe, intensive Formen Denhoff seit Langem mit dem Komponisten verbinden.
Torben Maiwald, der Denhoff und Kurtag als Vorbilder seiner Jugend nennt, schrieb An Wesen 2006 für Violoncello solo — einen ruhigen, fast meditativen Monolog. Als Denhoff ihm das Stück auf der Campanula vorspielte, war Maiwald von dem „magischen Instrument“ so fasziniert, dass er sich 2010 selbst eine Campanula anschaffte. Heinz Albert Heindrichs, Komponist und Lyriker, legte seiner Komposition Atem für Atem von 2002 das eigene gleichnamige Gedicht zugrunde. Den Schluss bildet Inner minds Op. 117 für Campanula und Zuspielung (2017): drei Skizzen zu den letzten Skulpturen von Wolfgang Überhorst, die 2017 in der Lindauer Galerie Skulpturale erstmals zu sehen waren und die Denhoff optisch, emotional und körperlich beschäftigten.
