Calliope Tsoupaki wuchs in Griechenland auf und lebt seit ihrem Studium in den Niederlanden. Ihre Musik wird vom Publikum als stark rituell erlebt, und das Begleitheft führt diese Wirkung auf die Wurzeln ihrer Inspiration zurück: auf die Wiege der europäischen Zivilisation und auf das Mittelalter, in dem sie sich zu Hause fühlt. Die Kraft ihrer Werke, heißt es dort, liege in ihrer Intimität und Intensität, in den langen Spannungsbögen und in den Verbindungen, die sie zwischen weit auseinanderliegenden Traditionen zu legen weiß.
Der Essay stellt diese Haltung in einen größeren Zusammenhang. Als Gegenpol zur rasenden Verstädterung und Industrialisierung suchten Künstler und Schriftsteller des 19. Jahrhunderts Trost in der Mystik eines geträumten Mittelalters; seit den 1970er Jahren zeigt der Erfolg von Komponisten wie Arvo Pärt einen neuen Rückgriff auf dieselbe Epoche. Heute leben wir im Zeitalter des Snack-Content, wischen vor dem Konzert noch schnell über den Bildschirm — und bleiben doch Menschen aus Fleisch und Blut mit unerfüllten Wünschen, mit Hoffnung und Leid. Sinnvolle neue Musik, so der Gedanke, wirft ein neues Licht auf die Vergangenheit.
In ihren Opernproduktionen für das Holland Festival ist es Tsoupaki gelungen, zwei scheinbar grundverschiedene Arten des Musizierens zu versöhnen — die „gelehrte“ westliche Kunstmusik und die improvisierte Volksmusik. Das Triptychon führt dieselbe Begegnung ins Streichquartett. Der erste Satz, Mercurius von 2005, steht für sich; der mittlere, Lychnos tis posi mou — „eine Leuchte für meinen Fuß“ nach dem Psalmvers —, holt die Klarinette hinzu und gibt ihr die Rolle der singenden Stimme; der dritte, Eothinon, trägt den Namen der Morgenhymnen der orthodoxen Liturgie.
Alle drei Sätze sind groß angelegt: siebzehn, achtzehn und zwanzig Minuten, zusammen knapp 56. Das verlangt vom Hören eine andere Geduld als die kurzen Formen, in denen neue Musik sonst oft erscheint — und genau darin liegt die Verbindung zum Ritual, von dem im Begleitheft die Rede ist. Der Titel des Ganzen verweist auf das Altarbild aus drei Tafeln: zwei Flügel und eine Mitte, die anders gefasst ist als sie — hier durch die hinzutretende Klarinette. Die Entstehung folgte dieser Anlage nicht der Reihe nach; zwischen dem ersten und dem letzten Satz liegen acht Jahre.
Das DoelenKwartet aus Rotterdam und der Klarinettist Arjan Woudenberg spielten die Aufnahme vom 2. bis 5. September 2015 im Jurriaanse Zaal von De Doelen ein, in Stereo, 5.1 Surround und 3D-Binaural-Stereo; die Produktion entstand in Koproduktion mit Deutschlandradio. Das Begleitheft umfasst 32 Seiten in Deutsch und Englisch.
