Viele Dichter kamen zu uns nach Hause, erzählt Juan Allende-Blin im Gespräch. Allein die Präsenz eines Dichters zu Hause, der eine gewisse Ausstrahlung hatte, war schon ein Motiv, sich für sein Werk zu interessieren. Diese frühe Nähe zur Dichtung prägt sein Schaffen bis heute: Zwei der vier hier eingespielten Werke gehen von Texten aus — das Fragment nach Hölderlin für Sopran, Trompete und Euphonium von 1984 und die Kantate L’émigrant nach einem Gedicht von Jules Supervielle für Sopran, Flöte, Klarinette, Posaune, Violoncello und Klavier von 2010.
Daneben stehen zwei rein instrumentale Stücke aus weit auseinanderliegenden Jahren: Distances für Flöte, Harfe, Vibraphon und Schlagzeug entstand 1961, das Quartett für Flöte, Klarinette in B, Posaune und Klavier 2007. Alle vier Werke erscheinen hier erstmals auf Tonträger. Es spielt das E-MEX Ensemble mit Jane Berthe (Harfe), Evelin Degen (Flöte), Martin von der Heydt (Klavier), Norbert Krämer, Igor Krasovskyy und Carsten Langer (Schlagzeug), Michael Pattmann (Vibraphon), Andreas Roth (Posaune und Euphonium), Sebastian Schärr (Trompete), Joachim Striepens (Klarinette) und Burkhart Zeller (Violoncello); die Sopranpartien singt Silvia Weiss.
Die zweite SACD gehört dem Gespräch mit dem Komponisten: Eindrücke aus der Kinder- und Jugendzeit in Santiago de Chile, die französisch-spanische Abstammung, die Frage nach der Heimat — ich brauche nur meine Ruhe und eine freundliche Atmosphäre. Auf der dritten SACD erinnert sich der Organist Gerd Zacher an die erste Begegnung mit Allende-Blin, an die gemeinsame Liebe zur Orgel und die ungewöhnlichen Arten, sie zu behandeln, an die Orgel und den Wind und an seine eigene erste Zeit in Santiago de Chile.
Den Schluss bildet Gerd Zachers Text „Über das Unsägliche in der Musik von Juan Allende-Blin“ aus dem Jahr 2012, gelesen vom Organisten Matthias Geuting. Es sei grundsätzlich eine Qual, über Musik zu reden, beginnt Zacher — Klarheit schaffe nur das aufmerksame Zuhören in die Musik hinein. Der Text handelt von Mendelssohns Liedern ohne Worte, von Werken mit Texten von Allende-Blin, von den handwerklichen Mitteln, die zur Hervorbringung von Unsäglichem führen können, und davon, wie unterschiedlich Stille aufgefasst werden kann.
Die Kammermusik wurde im Juli 2010 im Kammermusiksaal des Deutschlandfunks in Köln aufgenommen, einer Koproduktion mit dem Sender; die Gespräche mit Juan Allende-Blin und Gerd Zacher entstanden am 21. Juli 2011 in deren gemeinsamer Wohnung in Essen-Bredeney, Matthias Geutings Lesung am 24. Juni 2015 in den Cybele Studios. Die Edition stand auf der Longlist 3/2016 des Preises der deutschen Schallplattenkritik in der Kategorie Zeitgenössische Musik. Die drei Hybrid-SACDs laufen zusammen 183 Minuten (68:54, 56:29 und 57:45), in Stereo und 5.0/5.1 Surround.
