Das Begleitheft beginnt bei Francis Bacon. In seiner Utopie Neu-Atlantis von 1624 beschreibt er „Häuser für Akustik, in denen wir die Töne und ihre Entstehung erforschen“, Harmonien aus Vierteltönen und noch geringeren Tonverschiebungen, unbekannte Instrumente. Knapp dreihundert Jahre später wurden in dem von revolutionären Umstürzen geschüttelten Russland Experimente unternommen, die dieser Vision verblüffend nahe kommen. Bacons Wissenschaftsgesellschaft beruhte auf einer zentralen Behörde; im postrevolutionären Sowjetrussland formierten sich dagegen mehrere, oft kurzlebige Organisationen, die die gesellschaftliche Umwälzung mit den modernsten Mitteln beschleunigen wollten.
Eine davon war die Assoziation für zeitgenössische Musik (ASM). Arthur Vincent Lourié hatte sie schon 1918 vorgeschlagen; gegründet wurde sie 1923, ein Jahr nach seiner Emigration. Ihre Mitglieder verstanden sie nicht als politische Organisation, sondern als Interessenvertretung der zeitgenössischen Komponisten. 1924 wurde Mosolov eingeladen, seine — heute verschollene — dritte Klaviersonate bei einem ASM-Konzert in Moskau zu spielen; 1926 wurde er offiziell aufgenommen und fortan intensiv gefördert. In diesem Umfeld lernte er die Musik Hindemiths und Honeggers kennen, die seine weitere Entwicklung prägen sollte.
Mosolov wurde am 11. August 1900 in Kiew geboren; 1904 zog die Familie nach Moskau, wo die Mutter zeitweilig als Sängerin am Bolschoi-Theater arbeitete. Ihr Freundeskreis aus der liberalen Intelligenzija und die gemeinsamen Auslandsreisen prägten früh seine Offenheit für zeitgenössische Kunst. Ersten Klavierunterricht erhielt er bei Alexander Schenschin, 1920/21 spielte er zu Stummfilmen, von 1921 bis 1925 studierte er am Moskauer Konservatorium bei Reinhold Glière und Nikolaj Mjaskowski und besuchte die Klavierklassen von Grigorij Prokofjew und Konstantin Igumnow. Zugleich zeigte sich früh seine Kompromisslosigkeit: Wegen derber Späße mehrfach vom Gymnasium beurlaubt, riss er 1916 von zu Hause aus, um an die Front zu gehen; den Umbruch von 1917 begrüßte er begeistert, diente bis 1921 freiwillig in der Roten Armee, wurde zweimal verwundet und zweimal für Tapferkeit ausgezeichnet. Dreimal begegnete er Lenin.
Genau diese Biografie macht verständlich, wie ratlos er später den kulturpolitischen Angriffen gegenüberstand. Sein Eisengießerei-Satz aus Zavod hatte 1927 sensationellen Erfolg, und Mosolov galt kurzzeitig als Kulturexport der jungen sowjetischen Musikszene; bis Anfang der 1930er Jahre arbeitete er als Rundfunkredakteur. Im März 1932 beklagte er sich in einem persönlichen Brief an Stalin bitter über die fortwährenden Denunziationen.
Die Sonaten dieses Albums stammen alle aus den Studienjahren: die zweite in h-Moll op. 4 (1923/24) in drei Sätzen, deren letzter Allegro tumultuoso, infernale überschrieben ist; die einsätzige erste in c-Moll op. 3 (1924); die vierte op. 11 (1925), ebenfalls in einem Satz; und die fünfte in d-Moll op. 12 (1925) in vier Sätzen, die mit einem Adagio languente e patetico von fast acht Minuten schließt. Dazwischen stehen die Zwei Nocturnes op. 15 von 1926. Thomas Günther spielte sie vom 1. bis 5. März 2012 im Kammermusiksaal des Deutschlandfunks in Köln ein, auf einem Steinway-D-Konzertflügel; das Begleitheft umfasst 60 Seiten.
