Skrjabin wurde zur Vaterfigur der nachfolgenden Komponistengeneration; seine Werke entfalteten eine immense katalysatorische Wirkung. Selbst Strawinsky konnte sich diesem Einfluss nicht entziehen, obwohl er seit 1910 im westlichen Ausland Karriere machte — seine späteren Selbstdarstellungen lassen allerdings die Absicht erkennen, sich vom Vorbild zu distanzieren. Der vierte Band stellt beide großen Namen den jüngeren Komponisten gegenüber und lenkt den Blick damit auf die gedanklichen Rahmenbedingungen, in denen die Experimente dieser Reihe stattfanden.
Von Skrjabin stehen die Deux Morceaux op. 57 von 1909, die Deux Danses op. 73 und die Cinq Préludes op. 74 von 1914 sowie die Sonate Nr. 7 „Weiße Messe“ op. 64 von 1911 auf dem Programm — Werke aus jener Spätphase, in der sich seine symbolistische Ausdruckssphäre mit einer konstruktiv-futuristischen Kompositionsmethode verschmolz. Strawinsky ist mit der Piano-Rag-Music von 1919 vertreten.
Bei den beiden jüngeren Komponisten tritt die Verwandtschaft zu Skrjabin deutlicher zutage. Von Nikolaj Roslavets erklingen das Prélude à la mémoire d’Arkady Abaza von 1915, die Deux Compositions desselben Jahres und die Cinq Préludes von 1919 bis 1922; von Sergej Protopopov die dreisätzige Sonate Nr. 1 op. 1 von 1920 bis 1922. Die musikalische Dreiecksbeziehung zwischen Skrjabin, Boleslav Javorskij und Protopopov nennt Thomas Günther eine der spannendsten und merkwürdigsten Episoden der jüngeren Musikgeschichte.
Javorskij hatte seine Theorie schon während des Studiums bei Sergej Tanejew zu entwickeln begonnen und 1908 unter dem Titel Der Bau der Musiksprache veröffentlicht; ihre Kernidee, russisch „ladovyj ritm“, lässt sich nur ungefähr mit „Modal-Rhythmus“ oder „Gravitationslehre“ übersetzen. Ihr liegt eine Zwölftonleiter aus völlig gleichberechtigten Einzeltönen zugrunde, von denen jeder zum Grundton eines Tonkomplexes werden kann; anders als in den westlichen Harmonie- und Kontrapunktlehren richtet sich die melodische Organisation nach Intervallverhältnissen und den daraus entstehenden Gravitationsbewegungen. Protopopov, der zunächst Medizin studiert hatte und 1913 zu Javorskij kam, legte 1930 sein eigenes umfangreiches Werk Elemente der Musiksprache vor — seine drei Klaviersonaten sind der kompositorische Beweis dieser Theorie. Mit Stalins kulturpolitischem Kurswechsel endete das; zwischen 1934 und 1936 war Protopopov in Arbeitslagern interniert.
Den Schlusspunkt setzt ein Bonus-Track, der den Bogen zurück zur ersten Folge schlägt: eine zweite, etwas kürzere Fassung von Nikolaj Obuchovs Adorons Christ — Fragment du troisième et dernier Testament, als Weltersteinspielung und zusätzlich in 3D-Binaural-Stereo produziert. Thomas Günther, Pianist und Dozent an der Folkwang-Hochschule Essen, beschließt damit seine vierteilige Exkursion durch das Repertoire russischer Komponisten aus dem geistigen Umfeld des Futurismus; begegnet war er diesen Werken erstmals 1983 bei den Berliner Festwochen. Aufgenommen wurde Ende Februar und Anfang März 2014 im Kammermusiksaal des Deutschlandfunks in Köln. Die Reihe wurde 2017 mit dem ECHO Klassik ausgezeichnet und für den Jahrespreis 2016 des Preises der deutschen Schallplattenkritik nominiert.
