Parallel zu seinen Sammlungen romantischer Charakterstücke schrieb Max Reger zwischen 1900 und 1902 den Zyklus Zweiundfünfzig leicht ausführbare Vorspiele zu den gebräuchlichsten evangelischen Chorälen für Orgel Op. 67. Nach den Choralphantasien wollte er, so Martin Schmeding im Begleitheft, nun Choralbearbeitungen für den „alltäglichen Gebrauch“ im evangelischen Gottesdienst vorlegen; welche Choräle in der Praxis am häufigsten gebraucht wurden, ließ er sich von befreundeten Organisten sagen. Die Sammlung erschien im Frühjahr 1903. Reger empfahl sie dem Verleger mit dem Hinweis, seit Johann Sebastian Bach sei keine derartige Sammlung mehr veröffentlicht worden, und versicherte, die Vorspiele stünden seinen bisherigen Orgelwerken an Qualität mindestens gleich, sie seien nur technisch leichter.
Das zweite Heft umfasst die Nummern 16 bis 35, darunter viel gesungene Lieder wie „Nun danket alle Gott“, „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“, „Jesu, meine Freude“ und „Nun komm, der Heiden Heiland“. Wie bei Bach im Orgelbüchlein und in den Leipziger Chorälen erhält jedes Vorspiel eine eigene Prägung: „Mach’s mit mir, Gott, nach deiner Güt“ folgt dem Modell des kolorierten Chorals mit verzierter Oberstimme über harmonisch reich geführten Unterstimmen, „O Lamm Gottes, unschuldig“ wird von absteigender Chromatik bestimmt. Karl Straube, kurz vor seiner Berufung zum Thomaskantor, war begeistert; weite Verbreitung fanden die Stücke wegen ihrer trotz der Kürze hohen technischen Anforderungen zunächst dennoch nicht.
Den Zyklus Fünf leicht ausführbare Präludien und Fugen für Orgel Op. 56 rechnete Reger eher zu seinen Nebenwerken. An Straube schrieb er, op. 56 sei als Brücke zu verstehen, die so manchem Organisten den Weg zum wirklichen Reger erleichtern werde; dem Organisten Walter Fischer gegenüber meinte er: „Ich glaube, daß die Dinger gut sind.“ Die Opuszahl täuscht, denn vollendet wurden die Stücke erst 1903, parallel etwa zum Gesang der Verklärten op. 71; wegen eines älteren Vertrags mit dem Münchner Verleger Joseph Aibl erhielten sie die dafür vorgesehene niedrigere Nummer. In Länge und Form erinnern die Satzpaare, wie die des Schwesterwerks op. 85, an Bachs Wohltemperiertes Clavier.
Präludium und Fuge Nr. 1 in E-Dur beginnt mit einem liedhaften Triosatz, den ein rezitativisch aufgewühlter Mittelteil unterbricht; die Fuge fließt ebenmäßig dahin. In Präludium und Fuge Nr. 2 in d-Moll zeigt sich Reger von seiner heiter-ironischen Seite. Die Fuge, die der Rezensent Alexander Wilhelm Gottschalg zu den besten Fugenschöpfungen der Gegenwart zählte, fällt durch extreme Artikulation und chromatische Tonfolgen auf und erinnert darin an die fünfte Fuge über B–A–C–H von Robert Schumann. In Nr. 3 folgt auf ein pastorales Präludium eine Fuge im stile antico nach dem Vorbild Palestrinas, Nr. 4 bringt ein Präludium nach Art Bachs und als Fuge ein beschwingtes Trio. Präludium und Fuge Nr. 5 in h-Moll zeigen am Ende den grüblerischen, zur Schwermut neigenden Reger.
Kirche und Orgel der Leipziger Michaeliskirche entstanden gemeinsam bis 1904; der Prospekt der Wilhelm-Sauer-Orgel op. 902 nimmt mit geschnitzten Rosenstöcken und Naturmotiven den Jugendstil des Kirchbaus auf. Das Instrument mit drei Manualen und pneumatischen Kegelladen wurde 1996–1999 von Christian Scheffler (Sieversdorf) umfassend restauriert; Schmeding hebt seine vielfältigen kammermusikalischen Farben hervor. Nach der Zerstörung Dresdens wirkte hier Hanns Ander-Donath, Organist der Frauenkirche und bedeutender Bach- und Reger-Interpret. Die Aufnahmen entstanden am 30. und 31. Mai 2015 im Rahmen der Gesamteinspielung, für die Schmeding zwischen 2014 und 2016 mit dem Tonmeister Ingo Schmidt-Lucas historische Sauer- und Walcker-Orgeln in ganz Deutschland aufsuchte.
