Immer wieder geriet Max Reger in Konflikt zwischen seinem künstlerischen Credo und den Wünschen seiner Verleger und Auftraggeber. Die Zwölf Stücke für Orgel Op. 65 sind dafür ein Beispiel. Nach dem Erfolg der Zwölf Stücke op. 59 hatte Henri Hinrichsen, Leiter des Verlags C. F. Peters, auf Regers Anfrage Interesse an einem zweiten Heft mit zwölf Orgelstücken „ganz im Styl“ von op. 59 bekundet, unter der Voraussetzung leichter Spielbarkeit. Reger hatte seit jenem ersten Zyklus jedoch eine enorme innere Entwicklung und zahlreiche Krisen durchlebt, und so schließt op. 65 eher an die unmittelbar vorausgegangenen Monologe op. 63 an. Er selbst bezeichnete die neuen Stücke als „romantische Stücke“; viele Sätze, so Martin Schmeding im Begleitheft, erinnern eher an die großen Orgelwerke und sollten an deren Maßstäben gemessen werden.
Reger beteuerte, die Stücke seien nicht schwerer als op. 59, sah sich aber heftiger Kritik des Verlegers ausgesetzt und musste die geplanten 15 Stücke auf zwölf beschränken; Fughetta, Intermezzo und Gigue erschienen später in op. 80. Die Entstehung zeigt auch den gerissenen Geschäftsmann: Dem Schweizer Verleger Hug, dem er das Werk zunächst versprochen hatte, schickte Reger die fertigen Stücke mit einer stark überhöhten Honorarforderung und provozierte so ihre Rückgabe, um sie kurz darauf seinem neuen Hauptverleger Lauterbach & Kuhn in Leipzig zu einer angemessenen Summe anzubieten. Die Rezensenten lobten die emotionale Tiefe und zeigten sich zugleich verwirrt über die technische und musikalische Schwere; ein englischer Kritiker vermisste die große Kunst, Dinge einfach zu sagen, der Komponist sei noch in seiner Sturm-und-Drang-Phase.
Die eröffnende Rhapsodie entwickelt sich aus einem Unisono-Thema mit der für Reger typischen fallenden Folge von Sekunde und Terz und türmt in atemloser Folge wahre Klangmassen auf. Das Capriccio (Nr. 2) erweitert die ABA-Form um Durchführungselemente, Pastorale (Nr. 3) und Canzone (Nr. 9) entfalten weit geschwungene Kantilenen. Mit der Fuge Nr. 6 in a-Moll, einer strengen Doppelfuge mit chromatisch-lyrischem Thema, und der Fuge Nr. 8 in D-Dur, einer „Scherzo“-Fuge mit Tonrepetitionen und kleingliedrigem Laufwerk, stellt Reger zwei Konzepte nebeneinander. Das Präludium in d-Moll (Nr. 7) mit zwei kontrastierenden Themen und einem lyrischen dritten Thema als Mitte ist dem Kopfsatz der Zweiten Sonate in d-Moll Op. 60 verwandt. Das Scherzo (Nr. 10), dessen Betonung zwischen geradem und ungeradem Takt changiert, nennt Schmeding ein Meisterwerk Reger’schen Humors mit einer Prise feiner Ironie.
Kirche und Orgel der Chemnitzer Lutherkirche wurden als Einheit entworfen. Der neoromanische Bau mit 64 Meter hohem Kreuzturm, im Sinne von Luthers „Ein feste Burg“ errichtet und mit Jugendstilelementen ausgemalt, birgt die Pfeifen der Wilhelm-Sauer-Orgel op. 1011 von 1908 in der Rückwand des Westwerks hinter einem zeittypischen Prospekt. Wie viele Instrumente der Jahrhundertwende war auch dieses später dem veränderten Zeitgeschmack angepasst worden; bei der Restaurierung 2006/07 rekonstruierte Christian Scheffler (Sieversdorf) zehn der 50 Register nach historischen Vorbildern und Mensuren. Schmeding nahm op. 65 im September 2015 auf, zusammen mit dem Programm des zwölften Bandes. Grundlage ist, wie in der gesamten Edition, die neue Reger-Notenausgabe des Carus-Verlags.
