Als Max Reger im Herbst 1902, ein halbes Jahr nach op. 65, eine weitere Sammlung für Orgel begann, hatten sich seine persönliche Situation und sein Stil gewandelt. Die bevorstehende Hochzeit mit Elsa und die Arbeit an den Choralvorspielen op. 67, die ihn wieder enger an Johann Sebastian Bach banden, hatten ihn, so Martin Schmeding im Begleitheft, insgesamt verändert. Anders als die vorangegangenen Sammlungen wurden die Zehn Stücke für Orgel Op. 69 von Organisten und Rezensenten sehr positiv aufgenommen; manche hielten sie für das Beste, was Reger bis dahin geschrieben hatte, andere erkannten in ihnen die Wandlung vom Tonsetzer zum Stimmungskünstler.
Die einen sahen die Höhepunkte in lyrischen, bisweilen schwermütigen Sätzen wie dem elegischen Moment musical (Nr. 4) und der tiefgründigen Romanze (Nr. 8), die anderen lobten die Sogwirkung der Steigerung im Basso ostinato (Nr. 3) oder die virtuos-leichte Faktur schneller Sätze wie des Capriccio (Nr. 5) und der Toccata mit Fuge in D-Dur (Nr. 6 und 7). Wie so oft wirkte Karl Straube an der Druckfassung mit: Der Verleger gab ihm die Stichvorlage zur Durchsicht, und Reger übernahm einige, aber nicht alle der gemeinsam besprochenen Änderungsvorschläge.
Die Sechs Choralvorspiele für Orgel umspannen die Jahre 1893 bis 1909. Seit er im Unterricht bei Hugo Riemann Bachs Choralvorspiele kennengelernt hatte, stand Reger, wie sein Biograph Fritz Stein schrieb, bis zu seinem Lebensende in ihrem Bann. „O Traurigkeit, o Herzeleid“ und „Komm, süßer Tod“ entstanden 1893/94 in Wiesbaden. Das erste, extrem polyphon, ohne Rücksicht auf Querstände und mit dem cantus firmus in der Oberstimme des Doppelpedals, war im Rahmen einer Veröffentlichung in der Allgemeinen Musikzeitung als bewusste Kampfansage an die Neudeutsche Schule gedacht, deren Prinzipien der Kreis um Riemann und Reger in Frage stellte. In „Komm, süßer Tod“ mit seinen melismatischen Oberstimmen wendet Reger Riemanns Vortragsangaben detailliert auf die eigene Musik an.
Die übrigen vier entstanden für Gelegenheitsveröffentlichungen: „Christ ist erstanden von dem Tod“ mit cantus firmus im Bass und „Es kommt ein Schiff geladen“ mit cantus firmus im Tenor erschienen 1901 und 1905 in der Monatsschrift für Gottesdienst und kirchliche Kunst, „O Haupt voll Blut und Wunden“ mit expressiv geführten Mittelstimmen 1905 in einem Sammelalbum, das schlichte „Wie schön leucht’ uns der Morgenstern“ im Stil von Bachs Orgelbüchlein 1909 im Präludienbuch zu den Chorälen der christlichen Kirche. Präludium und Fuge in gis-Moll WoO IV/15 von 1906 ist das letzte Orgelwerk der Münchner Jahre; erst 1913 folgte mit der Introduction, Passacaglia und Fuge in e-Moll Op. 127 für die Jahrhunderthalle Breslau ein weiteres. Dem dreiteiligen Präludium mit chromatischer Oberstimme und kleingliedrigen Manualwechseln steht eine linear strömende Fuge im Geist des stile antico gegenüber, fern jeder äußeren Virtuosität.
Die Sauer-Orgel der Chemnitzer Lutherkirche, 1908 als op. 1011 gebaut, hat drei Manuale und ein Pedal, das bis zum Untersatz 32’ reicht. Unter den zehn Registern, die Christian Scheffler (Sieversdorf) bei der Restaurierung 2006/07 nach historischen Vorbildern rekonstruierte, sind Farbstimmen wie Schalmey und Clarinette im zweiten sowie Soloflöte und Viola im dritten Manual. Die Aufnahmen entstanden am 14. und 15. September 2015, unmittelbar nach denen zum elften Band.
