Im August 1914, gegen Ende seiner Meininger Zeit, fragte Max Reger mehrere befreundete Kirchenmusiker, welche Choräle im Gottesdienst am beliebtesten seien und am häufigsten gesungen würden. Durch Konzerte in kleineren Kirchen Thüringens und als Prüfer am Lehrerseminar Hildburghausen kannte er die Lage der Landorganisten aus eigener Anschauung. Bis November 1914 entstand die Sammlung Dreißig kleine Choralvorspiele zu den gebräuchlichsten Chorälen für Orgel Op. 135a. Fritz Stein und Karl Straube kündigte Reger sie als „furchtbar einfach“ an, als „Kinderschule“; wie beliebt sie wurden, zeigen nach Martin Schmedings Begleittext die Bearbeitungen für Harmonium und Klavier, die kurz nach dem Druck erschienen.
Anders als in den Choralvorspielen op. 67 beschränkt sich Reger hier auf spieltechnisch einfache Sätze mit unverziertem cantus firmus und eine weit sachlichere Harmonik. Dennoch ist jede Miniatur eigens gestaltet. In „Ach bleib mit deiner Gnade“ (Nr. 1) oder „Allein Gott in der Höh sei Ehr“ (Nr. 2) erinnert die Führung der Begleitstimmen an Bachs Choralsätze; in „Herr Jesu Christ, dich zu uns wend“ (Nr. 11) liegt die Melodie im Tenor, in „Ein’ feste Burg ist unser Gott“ (Nr. 5) im Bass, in „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“ (Nr. 15) wird sie im Kanon geführt. „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“ (Nr. 4) stellt jede Choralzeile zunächst unbegleitet im Tenor vor, in „O Haupt voll Blut und Wunden“ (Nr. 21) antwortet jeder Zeile ein Echo in melodischer Umkehrung. Mit Rücksicht auf die Orgeln kleiner Gemeinden, die selten über „modernste Technik“ verfügten, bleiben die Anforderungen an das Instrument begrenzt, doch die Dynamik der Choralzeilen folgt oft dem Sinn des Textes. Dass Reger unter derselben Opuszahl die groß angelegte Phantasie und Fuge in d-Moll op. 135b veröffentlichte, zeigt, wie eng bei ihm höchster Anspruch und gehobene Gebrauchsmusik beieinanderlagen.
Die übrigen fünf Werke entstanden zu verschiedensten Anlässen. Präludium und Fuge in d-Moll WoO IV/10 erschien 1902 in der Leipziger Zeitschrift Die Musik-Woche; Altniederländisches Dankgebet für Orgel WoO IV/17 von 1915, ein schlichter Liedsatz, war eine professionelle Auftragsarbeit. In der Romanze in a-Moll für Orgel WoO IV/11 übertrug Reger ein eigenes Harmoniumstück auf die Orgel. Zum Präludium in c-Moll für Orgel WoO VIII/6 überliefert Adalbert Lindner eine Anekdote: Unzufrieden mit Orgelwerken berühmter Zeitgenossen, bot Reger an, gegen eine feine Limonade in wenigen Minuten ein kurzes Festpräludium zu schreiben. Lindner, sein früher Lehrer, spielte es später oft zu Regers Ehren an der Orgel der Stadtpfarrkirche Weiden. Mit der ebenfalls einzeln erschienenen Fuge in c-Moll für Orgel WoO IV/8 bildet es eine Einheit.
Die Aufnahmen entstanden vom 28. bis 30. September 2015 an drei Wilhelm-Sauer-Orgeln der Niederlausitz. Die Choralvorspiele Nr. 1 bis 15 erklingen in der spätromanischen Kirche des ehemaligen Zisterzienserklosters Dobrilugk. Sauer baute die dortige Orgel op. 209 schon 1874 auf mechanischen Kegelladen und verwendete Pfeifen des Dresdner Orgelbauers Johann Christian Kayser (um 1790); neben romantisch-orchestralen Farben wie Flûte harmonique und Voix céleste stehen daher spätbarocke Elemente wie zahlreiche 4’-Register und gemischte Stimmen. Christian Scheffler (Sieversdorf) rekonstruierte und restaurierte sie 2002. Die Nummern 16 bis 30 und die Romanze spielte Schmeding in der Trinitatiskirche Finsterwalde, einer Emporenkirche der Renaissance in der „Sängerstadt“: Hinter einem Prospekt nach barockem Vorbild baute Sauer hier 1908 ein Werk mit 28 Registern und groß disponiertem Schwellwerk, sehr farbig für den kleinen Raum. Die übrigen Stücke entstanden in der Barockkirche von Stift Neuzelle, deren Orgel von 1906 mit 24 Registern hinter einem klassizistischen Prospekt von 1806 steht; Scheffler restaurierte sie 1999 bis 2001. Wegen des historischen Prospekts fehlt dem Oberwerk ein Schweller, alle dynamischen Schattierungen entstehen allein durch die fein abgestuften 8’-Register.
