Von Kinderliedern sprechen wir heute vor allem dann, wenn Kinder ihre eigenen Lieder singen oder von Erwachsenen „kindgemäß“ verfasste Melodien trillern. Kaum noch denken wir an eine andere Form: das Kunstlied, das Eltern für ihre Kinder singen oder mit ihnen gemeinsam musizieren. Diese besonders im 19. Jahrhundert gepflegte Gattung ist gänzlich aus der Mode gekommen, schreibt Stefan Fricke im Begleitheft, und musste anderen Arten der Kindesunterhaltung Platz machen. Umso dringlicher sei es, an Unternehmungen zu erinnern, die der Gegenwart weit voraus waren.
Reineckes Biograf Wilhelm Joseph von Wasielewski schrieb, der Komponist habe in keinem Kunstfach eine so mannigfaltige und numerisch beträchtliche produktive Tätigkeit entfaltet wie in der Vokalkomposition: Seine ein- und zweistimmigen Lieder überstiegen weit die Zahl von zweihundert — und davon bilden die Kinderlieder gut die Hälfte. Mit seiner Vermutung über den „dauernden Platz“ dieser Lieder hat Wasielewski allerdings nicht Recht behalten: Über seine Zeit hinaus ist Reinecke kaum nachhaltig bekannt geworden, und wenn seit einigen Jahren wieder Werke von ihm zu hören sind, betrifft das fast nur die Instrumentalkompositionen. Die Vokalwerke müssen sich ihren Platz erst zurückerobern.
Carl Reinecke, am 23. Juni 1824 in Altona geboren, hatte ein lebenslanges musikpädagogisches Interesse — darin liegt wohl seine Vorliebe für dieses Genre begründet. In seinen Rathschlägen und Winken für Clavier-Schüler von 1890 stehen die bemerkenswerten Sätze: „Treibe in der Kunst keinen Personen-Cultus. Wenn du Musik hören sollst, so frage mehr darnach Was du hören, als Wen du hören wirst.“ Als er diese Tipps veröffentlichte, war er längst eine hoch angesehene Persönlichkeit des Musiklebens — nach Stationen als Klavier- und Kompositionslehrer an der Rheinischen Musikschule in Köln von 1851 bis 1854 und als städtischer Musikdirektor in Barmen von 1854 bis 1859 stand er seit 1860 dem Leipziger Gewandhausorchester vor.
Die Lieder zitieren Goethe, spenden Trost, erzählen Anekdoten und Wissenswertes, sind Geburtstagsständchen, ermahnen, wollen belehren und zuweilen religiös erziehen. Die Texte stammen von den unterschiedlichsten Dichtern — Hoffmann von Fallersleben, Robert Reinick, Heinrich Seidel, Julius Sturm, Luise Hensel und anderen —, teilweise auch von Reinecke selbst, der dafür oft das Pseudonym Heinrich Carsten verwendete. Manche sind schlicht und eingängig gesetzt, sodass Eltern mit den Kindern gemeinsam musizieren können; die schwierigeren haben die Erwachsenen ihren Sprösslingen vorzutragen, als läsen sie ihnen eine Geschichte vor. Es sind Lieder zum Zuhören und zum Nachsinnen — und an diesen Erzählungen geschult, wird der Zuhörende womöglich selbst einmal ein besonnener Erzähler.
Die 51 Lieder dieses zweiten Bandes reichen vom Morgengebet bis zum Gebet zur Nacht und von den kleinen goldnen Sternen bis zum Kirchlein im Dorfe; Schneewittchen und Vögleins Begräbnis stehen neben Kinderreimen wie Storch, Storch, Steiner und dem Serenädchen, das Reinecke selbst textete. Wie der erste Band entstand die Aufnahme zugunsten der Kinder-, Krebs- und Infektionsstation der Düsseldorfer Universitätskliniken; hier singt Carola Guber die Mezzosopranpartie. Aufgenommen wurde im Februar und Juni 2001 im Erholungshaus der Bayer AG in Leverkusen; die CD spielt 72:33, das Begleitheft umfasst 36 Seiten in Deutsch, Englisch und Französisch.
