Sechs Komponisten, die um 1970 in Köln lebten und arbeiteten, stehen im Mittelpunkt dieses Bandes. David Johnson, 1940 in Batavia (New York) geboren, hatte in Harvard studiert, 1966/67 im elektronischen Studio des WDR gearbeitet und 1969 der Gruppe CAN angehört; er war Mitbegründer des Feedback Studios und bis 1975 dessen technischer Leiter. „Ton – Antiton“ realisierte er von Januar bis April 1968 im elektronischen Studio der Kölner Musikhochschule. Systematisch ausgedachte Tonhöhen, gespielt von akustischen und elektronischen Instrumenten, reagieren über verschiedene elektronische Modulatoren horizontal und vertikal miteinander; dreimal unterbrechen kontrastierende Interludien aus Metallgeräuschen, Sprache und Instrumentalmusik das strenge Klanggewebe.
Clarence Barlow, 1945 in Kalkutta geboren und seit 1973 Mitglied des Feedback Studios, realisierte „Sinophonie 1“ im Winter 1969/70 im selben Studio überwiegend aus Sinustönen. Die Dynamik reicht vom extremen ppp bei -40 dB bis zum fff, und schon hier zeigt sich Barlows Interesse an unmerklichen Verwandlungen: Eine Melodie wird in beharrlicher Rotation allmählich zu einem statischen Klang. Silvio Foretic, 1940 in Split geboren, galt nach der Gründung seines Ensembles für Zeitgenössische Musik in Zagreb 1963 bald als Enfant terrible der kroatischen Musik; 1966 kam er nach Köln, studierte bei Bernd-Alois Zimmermann und Herbert Eimert und assistierte Mauricio Kagel. Sein „Inter-Ludium“ (1972) ist eine sehr kurze Synthesizerkomposition über die Melodie der „Internationale“, freilich in Moll: Über einem 16-mal wiederkehrenden, viertaktigen Basso ostinato baut sie sich auf und wieder ab, aus heutiger Sicht, so das Begleitheft, ein schadenfrohes Spottlied und ein nostalgischer Nachruf in einem.
Peter Eötvös, 1944 in Szekelyudvarhely in Transsilvanien geboren, kam 1966 als DAAD-Stipendiat für Dirigieren nach Köln und gehörte von 1968 bis 1976 dem Stockhausen-Ensemble an; seit 1966 arbeitete er auch für Theater, Film und Fernsehen. Seine „Feuermusik“, ursprünglich als Filmmusik geplant, entstand 1972 im Studio Öldorf ausschließlich aus Klängen einer Drehleier, die gefiltert, moduliert, transponiert und überlagert wurden. Mesias Maiguashca aus Quito, 1968 bis 1972 Mitarbeiter im elektronischen Studio des WDR und 1972 Mitbegründer der Gruppe Öldorf, lässt in seinen „Übungen“ (1972-73) den Violinklang von Günter Marx durch den Analog-Synthesizer VCS 3 verfremden, den Ramon Schneider spielt: begleitend und ornamentierend, als gleichberechtigte zweite Stimme oder so, dass er den Originalklang völlig überschattet. Aus isolierten, aber sehr homogenen Ereignissen schafft der Geiger in „interpolierender“ Improvisation eine kontinuierliche Textur.
John McGuire, 1942 in Artesia (Kalifornien) geboren, studierte an der University of Southern California und in Berkeley, nahm 1967 und 1968 an Karlheinz Stockhausens Darmstädter Kompositionsstudios teil und lebte dreißig Jahre in Köln, bevor er nach New York ging. Seine Hauptwerke beruhen auf äußerst präzisen Berechnungen der Tonhöhen- und Rhythmusvariationen weniger klarer Klanggestalten. „Pulse Music I“, seine erste elektronische Komposition, realisierte er 1975/76 mit dem Tontechniker Marcel Schmidt im Studio der Kölner Musikhochschule; 1977 wurde sie in Köln uraufgeführt. In einer einzigen 22-minütigen Schleife durchwandert die Musik zweimal den Quintenzirkel der Tonhöhen und der Dauern, in 24 metrischen Modulationen in den Verhältnissen 3:2, 3:4, 3:8 und 3:16; in jeder Sektion überlagern sich verschiedene Phasendauern.
