Wer heute für Klavier schreibt, geht ein Risiko ein: Er muss sich gegen eine erdrückende Tradition behaupten, die mit Chopin, Liszt, Bartok oder Ligeti verbunden ist, und sich fragen lassen, ob Klaviermusik nicht ein Anachronismus sei. Christoph Maria Wagner, 1966 in Pfullendorf geboren, hat gleichwohl ein vielgestaltiges Klavierwerk hervorgebracht. Seine Affinität zum Instrument hängt damit zusammen, dass er nicht nur Komponist, sondern auch Pianist und Dirigent ist — ein Musikertypus, der im 19. Jahrhundert mit Mendelssohn, Chopin und Liszt, später mit Busoni und Rachmaninow seine Blütezeit hatte und im 20. Jahrhundert nahezu ausgestorben ist. Wagner studierte in Köln Klavier bei Klaus Oldemeyer, Komposition bei Krzysztof Meyer und Dirigieren bei Volker Wangenheim.
Als Komponist begann er mit fünfzehn Jahren autodidaktisch, war aber nie zufrieden und unterbrach die Arbeit immer wieder. Erst 1987 entstanden die ersten Stücke, zu denen er heute noch steht — Klavierstücke natürlich. Dort erprobte er zum ersten Mal jenes arithmetische Verfahren, das organische Vergrößerungen, Verkleinerungen und Entwicklungen ermöglicht und plausibel macht, wie er selbst sagt, und das er bis heute anwendet.
Jede der zehn Etüden, fünf in jedem Heft, führt ein bestimmtes rhythmisches und harmonisches Konzept streng durch. Die erste verknüpft verschiedene ametrische Rhythmen und Geschwindigkeiten mit bestimmten Intervallen — Achtel mit kleinen Sekunden, Sechzehntel mit Sexten —, so dass Beschleunigung und Verlangsamung zugleich den Konsonanzgrad verändern. In der zweiten wachsen aus der allmählichen Annäherung zweier stark kontrastierender Rhythmen große Abschnitte gleichmäßiger Pulsation; auffällig ist ihr aggressiver Gebrauch der Oktave. Die dritte knüpft an die überkommene Sexten-Etüde an, entfernt sich aber durch stetige Intervallverkleinerung bis zur großen Sekunde wieder von ihr.
Chromatomanie von 1995/96 gehört mit fast zwanzig Minuten zu Wagners längsten Klavierstücken. Vier bis fünf Geister von 2001 ist eine Hommage an Komponisten und Stilrichtungen, die für seinen Weg wichtig waren. Der älteste Geist ist Robert Schumann, den Wagner im Abschnitt agitatissimo come in stato di panico vor allem über punktierte Rhythmen beschwört — die Vortragsbezeichnung spielt auf den labilen seelischen Zustand ebenso an wie auf das berühmte „schnell“ und „noch schneller“ aus dessen zweiter Klaviersonate. Im letzten Drittel klingt Stockhausens Mantra an, und die Feldman-Passage ist an ihrer äußersten Reduktion zu erkennen: ein repetierter Einzelton und ein fallendes Achtelmotiv über einem sechs Seiten lang gehaltenen Pedal. Dazu kommen ungewöhnliche Spielweisen bis zum Flageolett-Glissando, bei dem die Saiten mit dem Finger gestrichen werden.
Aufgenommen wurde im Januar und Februar 2006 im Kammermusiksaal des Deutschlandfunks in Köln, in Koproduktion mit dem Deutschlandradio. Le Monde de la Musique vergab vier Sterne.
