2007 jährte sich zum 400. Mal die Uraufführung von Claudio Monteverdis „L’Orfeo“, dem ersten Höhepunkt des damals noch jungen Musiktheaters. Stefan Fricke, der die CD konzipierte, zitiert dazu Arnold Feil: Das Neue an Monteverdis „musikalischem Märchen“ sei, dass er die Vielfalt der musikalischen Erscheinungen zum eigentlichen Gestaltungsprinzip erhebe. Fricke erinnert an den antiken Orpheus, den Sänger und Lyraspieler, dem Tiere und Bäume lauschen und bei dessen Gesang Steine weinen, den Liebenden, Leidenden und Scheiternden, und an „orphée 53“ der Musique-concrète-Pioniere Pierre Schaeffer und Pierre Henry: Die erste „konkrete Oper“ mit Tonband und Live-Akteuren geriet bei den Donaueschinger Musiktagen 1953 wegen der Lautsprecherklänge eher zum kleinen Skandal als zum Erfolg.
Die zwanzig Stücke von 21 Komponisten der Jahrgänge 1937 bis 1980 sind, so Fricke, überaus unterschiedliche Lesarten des Mythos. Bis auf Thomas Kesslers „Countdown für Orpheus“ (1966) entstanden alle 2007 eigens für diese CD und erschienen hier zum ersten Mal. Die Spieldauer reicht von vier Sekunden in Franz Martin Olbrischs „Orphée 2007“ bis zu 400 Sekunden, etwa in Frank Niehusmanns „Wer (Monster. Mythen. Mutationen)“ und Thomas Gerwins „e-scape Nr. 4“. Die Titel reichen von Kazuya Ishigamis „Kerberos“ und Heinz-Josef Florians „Eurydikes Schrei“ bis zu Johannes Kreidlers „Kontinuum mit Melodie“ und Clemens von Reusners „Gedehnte Zeit“; Dirk Specht und Gerriet K. Sharma schrieben gemeinsam „Orphée 49 Edit 1 (Hommage à J.C.)“. Hans W. Kochs „orfeus@home“ eröffnet die Folge, Andre Bartetzkis „L’eco d’Orfeo“ beschließt sie.
Die Titel führen quer durch den Mythos und durch die Verfahren der elektroakustischen Musik: von Harald Muenz’ Still Life with Orphean Shepherd über Ralf Haarmanns Herbert Stencil als Orpheus verkleidet bis zu Dugal McKinnons Strane e sconosciute vie. Das Duo NooK — Dirk Specht und Gerriet K. Sharma — steuert seine gemeinsame Hommage bei, Thomas Gerwins e-scape Nr. 4 und Frank Niehusmanns Wer? nutzen die vollen 400 Sekunden. Die CD spielt 76:17; das Begleitheft ist ein zehnseitiges Leporello in Deutsch und Englisch.
Die 1991 in Berlin als deutsche Sektion der Confédération Internationale de Musique Electroacoustique gegründete DEGEM organisiert Fachtagungen, Kurse und Konzerte, publiziert Texte, DVDs und CDs und engagiert sich bei der jährlichen internationalen Tagung Sound and Music Computing (SMC). 2005 startete sie gemeinsam mit dem ZKM in Karlsruhe ein 24-stündiges Nonstop-Webradio mit Konzertmitschnitten, Komponisten- und Studioporträts, Features und Berichten von Festivals und Symposien.
