Erich Itor Kahn wurde am 23. Juli 1905 in Rimbach im Odenwald geboren und studierte am Hoch’schen Konservatorium in Frankfurt Klavier bei Paul Franzen und Komposition bei Waldemar von Bausznern und Bernhard Sekles. 1928 holte ihn Hans Rosbaud an den Frankfurter Rundfunk, wo Kahn am 29. Januar 1930 Arnold Schönbergs Klavierstück op. 33a uraufführte. 1933 entlassen, ging er nach Paris und machte dort René Leibowitz mit der Zwölftontechnik vertraut, die dieser an Pierre Boulez weitergab. Nach vierzehn Monaten in französischen Internierungslagern erreichte er 1941 New York, gründete dort mit Alexander Schneider und Benar Heifetz das Albeneri-Trio und starb am 5. März 1956.
Thomas Günther stieß 1987 auf Kahns Musik, als Juan Allende-Blin ihn bat, die Huit inventions pour piano in einem Düsseldorfer Konzert mit Werken des Jahres 1937 zu spielen. Im Begleitheft beschreibt er einen Stil zwischen Schönbergs Zwölftontechnik in ihrer komplexesten Form und einer Polyphonie, deren Dichte bisweilen an Bachs „Kunst der Fuge“ erinnert. Die Six Bagatelles Op. 5 von 1938 waren für noch wenig fortgeschrittene Spieler gedacht und gehen technisch doch weit über Schönbergs Klavierstücke op. 19 hinaus; die Berceuse senza re etwa kommt ganz ohne den Ton D aus.
Die Huit inventions pour piano von 1937 verneigen sich vor Johann Sebastian Bach. Sur un thème de Brahms greift ein Motiv aus dem Adagio von Brahms’ Horntrio op. 40 auf, das letzte Stück, Sur une berceuse populaire allemande, gewinnt sein gesamtes Tonmaterial aus dem Lied „Schlaf, Kindlein, schlaf“. Die Ciaccona dei tempi di guerra, Kahns längstes Klavierwerk, entstand 1943 auf Anregung Ralph Kirkpatricks und war ursprünglich für Cembalo gedacht: 40 Variationen über einer Zwölftonreihe im Bass, verdichtet mit allen Mitteln des Kontrapunkts. Tonale Anklänge setzt Kahn bewusst ein, und in der Stretta hört Günther geradezu Bebop.
Das Short piano piece vom 31. Januar 1951 ist Kahns letztes Klavierstück. Die Fünf Bagatellen für Klavier, deren Titel auf Beethovens Bagatellen op. 126 verweist, hält Günther für Kahns avancierteste Klavierwerke: von der Bagatelle für Erich Schmid, Kahns einzigem Stück in dreiteiliger Scherzoform, bis zur radikalen Bagatelle à René Leibowitz. Die beiden letzten Stücke fand Allende-Blin Ende der 1980er Jahre in Kahns New Yorker Nachlass; Günther brachte sie am 13. Oktober 1989 beim Symposium „Besuch aus dem Exil“ in Essen zur Uraufführung. Das letzte ist unvollendet.
Thomas Günther, zur Zeit der Aufnahme Professor für Klavier an der Folkwang-Hochschule Essen, hat sich neben dem klassischen Repertoire vor allem den russischen Futuristen und der Klaviermusik der deutsch-jüdischen Exilgeneration und des Schönberg-Kreises gewidmet. Die Einspielung entstand im Mai 2006 im Erholungshaus der Bayer AG in Leverkusen, gefördert von der Kunststiftung NRW und begleitet vom Kunstring Folkwang im Museum Folkwang, Essen; klassik.com hat sie empfohlen.
