Nach monatelanger Zusammenarbeit mit Karlheinz Stockhausen auf der Weltausstellung in Osaka riefen Johannes Fritsch, Rolf Gehlhaar und David Johnson 1970 das Feedback Studio ins Leben, ein unabhängiges, privates elektronisches Studio in einem Hinterhaus im Kölner Belgischen Viertel. 1971 folgte der Feedback Studio Verlag, der erste deutsche Komponistenverlag; beide verstanden sich als Künstlerkooperative und alternatives Zentrum für Musik. Fritsch, 1941 in Bensheim-Auerbach geboren, hatte in Köln unter anderem Bratsche und bei Bernd Alois Zimmermann Komposition studiert, gehörte von 1964 bis 1970 dem Stockhausen-Ensemble an und lehrte von 1984 bis 2006 Komposition an der Kölner Musikhochschule. Die meisten Werke dieser CD entstanden vor der Gründung des Studios.
Live-elektronische Musik verstand Fritsch als „eine neue Art von Kammermusik“, deren Instrumentarium neben traditionellen Instrumenten elektronische „Transformationselemente“ umfasst. Das „Duett“ für Bratsche, sein Opus 1, 1961 im Kölner Keller-Theater uraufgeführt, ist ein Duett des Bratschers mit sich selbst: Die erste Stimme wird auf Tonband aufgenommen, die zweite gestaltet der Spieler aus demselben Material als Antwort auf das Gehörte; Fritsch spielt es selbst in einer Aufnahme von den Darmstädter Ferienkursen 1962. In „Madrigal triste“ für Oboe solo und Tonband übersetzt er Buchstaben und Silben des gleichnamigen Gedichts aus Charles Baudelaires „Les Fleurs du Mal“ in die Töne einer Zwölftonreihe; das 1964 fertiggestellte Tonband verwandelt den Oboenklang in „eine Art imaginären Oboenklangraum“. Es spielt Lothar Faber.
Das „Concerto da camera“ für Violine und 12 Streicher entstand 1964 im Auftrag des Rheinischen Kammerorchesters, ein Divertimento, dessen Form einer dreidimensionalen Zickzacklinie gleicht: Jeder Schluss ist ein Trugschluss, bis sich die letzte Bewegung ins Unhörbare verflüchtigt. Solist der Aufnahme von 1967 ist Patricio Cadiz, Thomas Baldner leitet, Fritsch führt die Klangregie. In der „Partita“ (1965/66) nehmen zwei Kontaktmikrofone den Klang der Bratsche ab; drei Spieler verändern ihn mit Reglern und Filtern, und über zwei Tonbandgeräte, zwischen denen das Band zehn Sekunden läuft, schichten sich Echos kanonisch übereinander und erklingen aus acht Lautsprechern. Den dritten Part mit Tonband und Rückkopplung übernahm in allen Aufführungen und Aufnahmen Karlheinz Stockhausen, dem das Werk gewidmet ist; der Kölner Probenmitschnitt von 1967 vereint ihn mit Fritsch, Rolf Gehlhaar und Alfred Alings.
Die „Ode“ (1980) für Schlagzeug mit Elektronik und Tonband, ein Auftrag des WDR, beruht auf der ersten Konfuzius-Hymne in der Übersetzung von Richard Wilhelm und verläuft auf drei Ebenen: 16 ostasiatische Schlaginstrumente, die an Stahlsaiten von einem Holzgerüst hängen und über Mikrofone und Tonabnehmer verstärkt werden, die pentatonische Melodie der Hymne, die vom Tonband aus überlagerten Tambura-Klängen extrem langsam erklingt, und der Text der Hymne, gesprochen von Dieter Wernecke. Ein Zusammenhang zwischen Musik und Text ist nicht auskomponiert; nach der kompositorischen Idee entsteht er „zufällig“ im Bewusstsein des Hörers. Michael Ranta spielt das Schlagzeug in einem Kölner Probenmitschnitt, den das Feedback Studio mit dem Elektronischen Studio des WDR realisierte.
