Nach seinem Höhenflug im 19. Jahrhundert schien das Klavier im 20. an Bedeutung zu verlieren, blieb aber, so Robert Nemecek im Begleitheft, Experimentierfeld für Neues. Daran knüpfte der junge Pierre Boulez an: Zwischen 1945 und 1957 entstand ein Klavierwerk, das seinen Weg von der Aneignung der Zwölftontechnik über den Serialismus bis zur Öffnung der Form spiegelt. In den Douze Notations (1945), zwölf Stücken zu je zwölf Takten in Zwölftontechnik, zeichnet sich sein Personalstil erstmals ab; die rhythmische Vielfalt reicht vom perkussiven Très vif bis zum verinnerlichten Lointain, Calme.
Die Première Sonate (1946) beschränkt sich auf zwei aufeinander bezogene Sätze; in den rhythmisch befreiten Abschnitten wird das Klavier, mit Boulez’ Worten, zum „Instrument des Deliriums“. Die Deuxième Sonate (1948) greift die Sonatenform Beethovens auf, um sie aufzulösen: Im Kopfsatz klingt leicht abgewandelt B-A-C-H an, der langsame Satz lehnt sich an den mittelalterlichen Tropus an, und nach einem knappen Scherzo führt das Finale über eine Fuge und die Anweisung pulvériser le son zu einem verhaltenen Schluss, der wie ein Abschied von der klassischen Sonate wirkt.
In der Troisième Sonate (1955-1957/1963), orientiert an Mallarmés Livre-Projekt, sind die Formanten beweglich angeordnet, und der Interpret wählt seinen Weg; Boulez verglich die Form mit einer Stadt, einem Labyrinth, für das man einen Plan braucht. Nach der Uraufführung 1957 zog er drei Formanten zur Überarbeitung zurück. Vassilakis spielt die Sonate in der vollständigsten derzeit möglichen Fassung, mit Sigle, einem 1968 erschienenen Fragment aus Antiphonie. Erst mehr als dreißig Jahre später kehrte Boulez zum Klavier zurück: Incises (1994/2001, erweiterte Fassung von 2001), ein Auftrag des Klavierwettbewerbs Umberto Micheli, lebt von der Freude am virtuosen Spiel; Une page d’éphéméride (2005) entstand für ein „Piano Project“ der Universal Edition.
Mirjam Wiesemann traf Boulez am 31. Januar 2011 in seinem Büro im IRCAM, dem Pariser Forschungsinstitut für Akustik und Musik, das er 1977 gegründet hatte. Im auf Deutsch geführten Gespräch äußert sich Boulez, der sein Privatleben sonst nicht preisgibt, über die Freiheit des Ausdrucks in der seriellen Musik, über Kontrolle und Zufall bei John Cage, die Zusammenarbeit mit Frank Zappa, Antonin Artaud und das Theater, über Olivier Messiaen, seine Kindheit und das Altern. Die Leute seien faul, rief er auf die Frage nach der Schwierigkeit neuer Musik aus: Jeder müsse sich seinen Zugang selbst erarbeiten.
Dimitri Vassilakis, 1967 in Athen geboren, studierte am Conservatoire National Supérieur de Musique in Paris. Im Gespräch am 17. Mai 2011 in den Cybele Studios in Düsseldorf erzählt er von seiner Kindheit in Griechenland, seiner Jugendliebe zu Chopin, den ersten Begegnungen mit Messiaen und Boulez, vom Probespiel beim Ensemble InterContemporain und von der Zusammenarbeit mit dem Komponisten. Die Klavierwerke nahm er im Dezember 2010 und im März 2011 im Kammermusiksaal des Deutschlandfunks in Köln auf, in Co-Produktion mit dem Sender. opushd.net zeichnete das Album mit dem Opus d’Or aus.
