Die Kammersymphonie Nr. 1 in E-Dur Op. 9 für 15 Soloinstrumente entstand 1906, in dem Jahr, in dem Gustav Mahler seine 8. Sinfonie vollendete und Richard Strauss mit „Salome“ als Opernkomponist reüssierte. Den üppigen Orchesterklang der Wagner-Nachfolge wollte Schönberg nicht übersteigern, sondern überwinden: Die Reduktion auf 15 Soloinstrumente macht den kontrapunktischen Satz durchhörbar. Die einsätzige Form spiegelt Exposition, Durchführung und Reprise, doch Themen und Motive reagieren so vielschichtig aufeinander, dass sich das Werk erst bei mehrmaligem Hören erschließt. Die Uraufführung am 8. Februar 1907 in Wien geriet zum Skandal; Schönberg dagegen glaubte, nun seinen persönlichen Stil gefunden zu haben.
Zu Matthias Georg Monn (1717–1750), Organist in Klosterneuburg, Melk und an der Wiener Karlskirche, kam Schönberg über Guido Adler, den Gründervater der Wiener Musikwissenschaft. Für dessen Denkmäler der Tonkunst in Österreich sollte er Generalbass-Bearbeitungen von Werken Monns anfertigen, verstand die Aussetzung aber als schöpferische Arbeit, die den stilistischen Bruch offen zeigt – zum Ärger mancher Puristen. Für das Concerto per Violoncello o Cembalo in g-Moll schrieb er 1913 für Pablo Casals umfangreiche Kadenzen, die vom Material der Hauptthemen ausgehen und in einen anderen musikalischen Kosmos führen. Casals spielte Monns Konzert am 19. November 1913 in Wien mit den Wiener Philharmonikern unter Franz Schalk; in Schönbergs Fassung erscheint es hier erstmals auf Tonträger.
Hans-Christian Schwarz beschreibt im Begleitheft die Tücken der Kadenzen: Ihre Doppelgriffketten schreiten nicht in überschaubaren Schritten fort, unvermittelt stehen Oktaven in hoher neben Sexten in tiefer Lage. Den Cembalopart nennt Thomas Günther „unhistorisch“, überfrachtet und sperrig, aber auch witzig; folgerichtig spielt er ein Neupert-Cembalo, das der Tradition des 20. Jahrhunderts näher steht als der barocken.
Rund zwei Jahrzehnte später, im Winter 1931/32, als Schönberg sein Asthma in Barcelona kurierte, bat ihn Casals um ein Stück für Violoncello; zurück in Berlin, wählte Schönberg Monns Cembalokonzert in D-Dur als Grundlage. Das Konzert für Violoncello und Orchester in D-Dur gehört zu den letzten Werken, die er vor der Emigration 1933 in Berlin vollendete. Wie Mozart bei Händels „Messias“ habe er „ganze Hände voll Sequenzen“ entfernt und das Ganze dem Stil Haydns genähert, schrieb er an Casals. Tatsächlich weicht die Ritornellform dem Ineinander von Variation und thematischer Arbeit, und der Solopart ist voller chromatischer Läufe, Doppelgriffe, Arpeggien und Flageoletts. Casals studierte das Werk intensiv, spielte es aber nie öffentlich; die Uraufführung spielte Emanuel Feuermann am 7. November 1935 in London unter Sir Thomas Beecham.
Schwarz ist seit 1994 Erster Solocellist des Philharmonischen Orchesters der Hansestadt Lübeck und musiziert hier mit „seinem“ Orchester unter Roman Brogli-Sacher, von 2001 bis 2013 Generalmusikdirektor in Lübeck. Die beiden Konzerte wurden am 28. Juni 2009 in einem Sinfoniekonzert im Großen Saal der Musik- und Kongreßhalle live aufgenommen, die Kammersymphonie im Oktober 2007 am selben Ort. Im Begleitheft erzählt Richard Erkens die Geschichte der beiden Konzerte, illustriert mit Skizzen, Autographen und Briefen Schönbergs. Das Album ist eine Co-Produktion mit Deutschlandradio Kultur.
