Im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts erreichte die Suche nach dem „Originalklang“, die bei der Barockmusik begonnen hatte, über die Wiener Klassik und Schubert schließlich die Romantik. Ausgerechnet der Klaviertranskription, zuvor Inbegriff des historisch unkorrekten Klangbildes, verhalf diese Entwicklung zu neuem Recht; sie gilt seither als Zeugnis eines Zeitgeistes. Bei Transkriptionen eigener Werke stellt sich die Frage nach der Zulässigkeit der Bearbeitung ohnehin nicht. Hinzu kommt, dass sich bei Liszt, dem komponierenden Pianisten schlechthin, der Gehalt der Vorlage weit mehr im Klaviersatz niederschlägt als in der Gesangsstimme; in den Transkriptionen entfällt die Singstimme ganz, während der Klaviersatz mitunter erheblich erweitert wird.
Die meisten der hier eingespielten Lieder entstanden 1843/44. Nur das Buch der Lieder für Piano allein gelangte zu einer halbwegs endgültigen Fassung; Liszts Kompositionen blieben lebenslang „works in progress“ — allein von der Faust-Symphonie existieren nicht weniger als siebzehn Fassungen. Band I beginnt mit Die Loreley nach Heinrich Heine, hier in der kompakteren zweiten Version von 1861. In Am Rhein im schönen Strome, das Robert Schumann in der Dichterliebe Op. 48 vertont hatte, gibt Liszt das Fließen des Stroms in durchlaufenden Sechzehnteln wieder, während Schumann eher den in Heines Versen ebenfalls genannten Kölner Dom in den Vordergrund rückt. Mignons Lied nach Goethe steht in der Extrem-Tonart in Fis-Dur und ist fast Takt für Takt mit Vortragsanweisungen wie „überspannt“, „quasi arpa“ oder „con somma passione“ überzogen; Der König von Thule ist von zunehmend dramatischer Faktur.
Invocation, die Transkription des Goethe-Liedes „Der du von dem Himmel bist“, verlangt eminente Spannweiten und steht für den Klaviersatz der dreißiger und vierziger Jahre, den Liszt um 1850 vereinfachte; die extreme pianistische Beanspruchung ist hier Ausdruck extremer emotionaler Intensität. Angiolin dal biondo crin nach Cesare Bocella geht auf Liszts erstes Klavierlied überhaupt zurück, 1839 für seine Tochter Blandine geschrieben. Aus dem schlichten Strophenlied im wiegenden 12/8-Takt wurde in der Bearbeitung ein bunter Variationszyklus, der sich von Strophe zu Strophe steigert, ehe die letzte in den Duktus des Anfangs zurückfindet; die ersten beiden Variationen fallen durch fortlaufende Achtelquintolen auf, einen bis dahin praktisch unbekannten Notenwert.
Band II vertont ausschließlich Gedichte Victor Hugos, mit dem Liszt befreundet war. Der Zyklus geriet in Vergessenheit, weil Liszt die vorgesehene Revision nicht zu Ende führte; bis 1985 kam er nicht über das Manuskript hinaus, und auch der Druck enthält noch zahlreiche Mängel. Oh! Quand je dors beschreibt die Träume des verliebten Dichters von seiner Angebeteten, Comment, disaient ils einen munteren Dialog zwischen Mädchen und Jungen in der seltenen Tonart in gis-Moll. Enfant, si j’étais roi schlägt einen mitunter pompösen Ton an; in S’il est un charmant gazon liegt der Gesangslinie ein 6/8-Muster zugrunde, während die Begleitung im 3/4-Takt geht. In La tombe et la rose sprechen Grab und Rose in tiefer und hoher Lage miteinander, und Gastibelza, überschrieben „Bolero“, weckt mit rhythmischem Modell und Skalen mit übermäßiger Quarte folkloristische Assoziationen.
Eduard Steingraeber betreute Liszts Konzerte seit den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts als Klavierbauer und zog in den Pausen neue Saiten auf. Den 1873 von ihm gebauten Flügel, dessen Gehäuse dem Rokokostil des Konzertsaals im Bayreuther Steingraeber-Haus angepasst wurde, spielte Liszt bei seinen Aufenthalten in Bayreuth, zuletzt wenige Tage vor seinem Tod im Juli 1886. Das Instrument war mit Vollgussplatte, starken Saiten und Repetitionsmechanik hochmodern; sein silbriger, obertonreicher Klang geht auf einen sehr steifen Resonanzboden mit extrem hohen Rippen zurück. Thomas Hitzlberger studierte bei Rudolf Buchbinder an der Musikakademie Basel und erhielt dort 1984 das einzige in jenem Jahr vergebene Solistendiplom im Fach Klavier; sein CD-Debüt mit Liszts Faust-Symphonie in der Fassung für zwei Klaviere, gemeinsam mit Georg Schütz, fand internationale Beachtung. Die Aufnahme entstand vom 31. März bis 3. April 2000 in der Himmelfahrtskirche in München-Sendling.
