Begegnungen zwischen zwei Instrumenten, zwischen mehreren Komponistengenerationen, zwischen west- und osteuropäischer Musiktradition: Der weite Kreis, den dieses Programm zieht, hat einen fixierbaren Mittelpunkt. Alle hier erstmals eingespielten Werke stammen von Komponisten, die in Beziehung zur Stadt Düsseldorf stehen — sei es als Lehrer an der Robert Schumann Hochschule wie Jürg Baur, Günther Becker, Manfred Trojahn, Bojidar Dimov und Dimitri Terzakis, sei es als frei schaffende Musiker in ihrer Heimatstadt wie Tom Lorenz und Ben Süverkrüp, die hier die jüngere Generation vertreten. Baur und Becker darf man nicht nur wegen ihres Schaffens, sondern auch wegen ihrer pädagogischen Bedeutung als Gründerväter der Düsseldorfer Musikszene bezeichnen; die langjährige Begegnung mit ihren Werken regte die Flötistin Christiane Lorenz zu diesem Programm an.
Jürg Baur, 1918 in Düsseldorf geboren und Meisterschüler von Philipp Jarnach an der Kölner Musikhochschule, lehrte bereits seit 1946 am Düsseldorfer Robert-Schumann-Konservatorium, dem Vorläufer der heutigen Hochschule; als Rektor des Robert-Schumann-Instituts nahm er von 1965 bis 1972 eine zentrale Position im Musikleben der Stadt ein, und 1971 wurde er als Nachfolger Bernd Alois Zimmermanns nach Köln berufen. Seine drei Incontri von 1960 sind ein hervorragendes Beispiel für eine der Tradition verpflichtete, aber mit ganz eigener Stimme sich artikulierende Musiksprache. Günther Beckers Drei Inventionen von 1957 stellen sich der Aufgabe, eine dichte formale Struktur aus der Einstimmigkeit zu entwickeln: durch entwickelnde Variation — das dreitaktige, aus einer erweiterten Zwölftonreihe gebildete Thema kehrt gleich zu Beginn in völlig neuer rhythmischer Gestalt wieder — und durch kontrapunktische Techniken wie Umkehrungen, dazu eine plastische Melodik in weit gestreckten Intervallsprüngen und eine Dynamik vom dreifachen Piano bis zum dreifachen Forte.
Tom Lorenz, 1959 in Düsseldorf geboren, studierte an der Hochschule seiner Heimatstadt Schlagzeug und Klavier, spezialisierte sich ab 1982 auf das Vibraphon und erforscht in seinem Schaffen die Grenzbereiche zwischen Jazz und Avantgarde, Improvisation und Experiment. Wadi für Flöte solo entstand im Juli 1999 und ist hier als Uraufführung eingespielt. Der Titel bezeichnet im Arabischen ein Trockental in Wüsten- und Steppengebieten, das sich durch absolute Kargheit auszeichnet, in dem aber Spuren seltener, in reißende Ströme mündender Regenfälle zu finden sind. Die Komposition handelt vom Wind, der durch ein solches Tal weht, von den zerklüfteten Talflanken, die bei unterschiedlichen Windeinfällen verschiedene Klänge erzeugen, und lotet die minimalen Schwankungen innerhalb eines staubtrockenen Flussbettes aus. Die Trockenheit als Dazwischensein zwischen zwei Regenperioden wird zum Sinnbild einer Zeit zwischen einer Vergangenheit, die in Stein gemeißelt scheint, und einer Zukunft, von der nicht einmal bekannt ist, ob sie überhaupt stattfindet.
Bojidar Dimov, 1935 in Lom in Bulgarien als Sohn eines Schauspielers geboren, studierte Komposition und Klavier in Sofia und Wien und nahm an den Darmstädter Ferienkursen teil; seit 1968 lebte er in Köln, wo er 1970 das Ensemble für Neue Musik trial and error und 1972 das Praktikum für Neue Musik an der Rheinischen Musikschule gründete. Ben Süverkrüp, 1967 in Düsseldorf geboren und Sohn des Liedermachers und Malers Dieter Süverkrüp, war Kompositionsschüler von Wolfgang Hufschmidt an der Folkwang-Hochschule in Essen; ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf der Auseinandersetzung mit Geschichte — seine Kompositionen reagieren auf historische musikalische Modelle, oft auf konkrete Stücke, oder setzen sich mit politischer Geschichte auseinander. Seine Variationen Ohne Blumen nehmen Bezug auf Franz Schuberts Variationen und gliedern sich in Thema, zwei Scherzi, Sonatine, Fughetta und Thema da capo.
Dimitri Terzakis’ Zwei Märchen für Flöte solo umspielen im ersten Stück einen einzelnen Ton, im zweiten, für große Flöte, ein zentrales Intervall, die Quinte g–d; beide zeigen die für ihn typische Reihungsform, doch wo das erste sich zum Höhepunkt im letzten Abschnitt steigert, schlägt das zweite einen Bogen zurück zu seinem nachdenklichen Beginn. Manfred Trojahn, 1949 in Cremlingen bei Braunschweig geboren, studierte Flöte bei Klaus Schochow und Karlheinz Zöller und Komposition bei Diether de la Motte in Hamburg; international machte er 1978 mit dem ersten Preis beim International Rostrum of Composers der UNESCO in Paris auf sich aufmerksam, und 1991 übernahm er als Nachfolger Günther Beckers die Kompositionsklasse an der Robert Schumann Hochschule Düsseldorf. Sein virtuoses Objet trouvé von 1976, für Flöte und Cembalo geschrieben und vom Komponisten in der Fassung mit Klavier autorisiert, beginnt mit einer heftigen, trockenen Bewegung, in der sich Flöte und Klavier aggressive Klangspitzen zuwerfen, und mündet über weichere figurative Modelle in einen zurückhaltenden dreistimmigen Kontrapunkt, den die Wiederaufnahme des Anfangsthemas abrupt beendet. Aufgenommen wurde vom 11. bis 14. Oktober 1999 im Erholungshaus der Bayer AG in Leverkusen.
