Am Anfang steht ein Gedicht: Un coup de dés von Stéphane Mallarmé, angelegt auf elf Doppelseiten. Mallarmés eigenes Vorwort will die Dichtung nicht erklären — es könne allenfalls die Bereitschaft zur Auseinandersetzung anregen, denn das Sich-gefangen-nehmen-Lassen durch die Worte könne nur durch die Dichtung selbst stattfinden. Schon für den zwanzigjährigen Mallarmé war Poesie etwas nicht Erklärbares: In seinem Artikel Hérésies artistiques. L’art pour tous beschreibt er sie als ein nur den Religionen vergleichbares Mysterium. Auf kaum einen anderen Text trifft das so zu wie auf dieses Gedicht, das den Leser in ein Textlabyrinth von verwirrender Dunkelheit stürzt — komponiert wie eine virtuelle Partitur, die sich nicht auf die übliche Weise lesen lässt.
Denhoff schwebte ursprünglich vor, zumindest Teile des Mallarmé’schen Textes für ein zwölfköpfiges Ensemble aus drei Sopranen, drei Flöten, drei Klarinetten und drei Violoncelli zu vertonen. Doch schon als er begann, sich intensiver mit Un coup de dés zu beschäftigen, war ihm klar, dass es dazu einen ergänzenden Zyklus rein instrumentaler, kommentierender Stücke geben müsse, die diese Vertonung vorbereiten und das Unterfangen begleiten. So entstanden die zwölf Quartette — wie zwölf musikalische Schritte auf Mallarmés Dichtung zu.
Ausgewählte Segmente der „Wortpartitur“ werden Ausgangspunkt musikalischer Überlegungen, die auf ihren literarischen Ursprung verweisen und doch durch die Transposition in ein anderes künstlerisches Medium formale Eigenständigkeit gewinnen. Der Zyklus will keine akustische Bebilderung des Textes sein: Er greift einzelne Konfigurationen heraus und versucht in dieser Form sezierenden Herantastens, das Ganze zu imaginieren — durch Anspielungen, Umschreibungen und angedeutete Stimmungen. Ein Entlangkomponieren am Text verbietet Un coup de dés ohnehin, wie auch eine Vertonung im traditionellen Sinn.
Jedes der Quartette steht in seiner klanglichen Eigenart für sich, korrespondiert aber durch unterirdische Verbindungslinien mit den anderen. Der musikalische Text ist exakt fixiert, doch die Hör-Richtung bleibt bedingt offen: Sechs mögliche Anordnungen der Quartette sind vorgesehen, und welche gilt, entscheidet vor der Aufführung ein Würfelwurf. In der numerischen Reihenfolge ergibt sich mit jedem Quartett eine progressiv graduelle, kreisförmig angelegte Klangfarbenveränderung, weil jeweils ein Musiker abtritt und der nächste hinzukommt — jeder Musiker spielt also vier der zwölf Quartette.
Das Vokabular dieser Musik erklärend zu beschreiben und die Korrespondenzen zu Mallarmés Dichtung aufdecken zu wollen, ginge nach Denhoffs eigener Auskunft an ihrer Bestimmung vorbei: Ihre Aussage kann und will nicht eindeutig sein, sie ist nicht eindimensional festgelegt, sondern offen und schwebend in dem, was sie beim Hörer in Bewegung setzt. Ihr Geheimnis möchte sie preisgeben, aber nicht ganz. Der Livemitschnitt vom 23. Februar 2000 aus dem Technologiezentrum Duisburg-Neudorf umfasst 92:05 auf zwei CDs; das Begleitheft hat 32 Seiten in Deutsch, Englisch und Französisch.
