Das Ensemble piano possibile, das bis zu zwanzig Mitglieder umfasst, ist für sein musikszenisches Engagement bekannt, widmet sich aber ebenso der allein zum Hören geschriebenen Musik. Aus einem Repertoire von damals rund achtzig Werken, von denen es dreißig uraufgeführt hatte, stellt es hier ein bewusst heterogenes Programm zusammen, in dem sich die ästhetische Bandbreite des Komponierens der Gegenwart Geltung verschafft. Gemeinsam ist den fünf Stücken, dass sie nicht an Spielfreude sparen und auf changierende Expressivität setzen, bis hin zu wuchtigen Eruptionen.
Carl Christian Bettendorfs Nachtstück und Arie für Sopran und Ensemble in fünf Gruppen entstand 1998/99 im Auftrag des Hauses der Kunst München für die Ausstellung „Die Nacht“. Es beginnt mit fernem Donnergrollen, Detonationen wie von herannahendem Schlachtenlärm. Schon die schroffen Anfangsgesten machten deutlich, schreibt der Komponist, dass es sich bei diesem Nachtstück nicht um ein Idyll mit Sternenhimmel handelt, sondern um einen katastrophischen Albtraum, wie ihn Johann Heinrich Füssli in seinen Bildern behandelt. Nachdem der Nachtmahr das Lager des Schlafenden verlassen hat, erklingt aus der Ferne die Arie — Ingeborg Bachmanns rätselhaftes Gedicht Schatten Rosen Schatten aus der Sammlung Anrufung des Großen Bären.
Nacht, Traum und Innehalten spiegeln sich auch in Armando Gentiluccis In alto, le stelle für neun Instrumente von 1981. Die ersten Seiten der Partitur schrieb der Italiener nach eigener Auskunft in einem Schwung während einer Sommernacht unter einem Sternenhimmel von besonderer Schönheit; diese Eindrücke hätten den gesamten Bogen der Komposition bestimmt — eine Meditation über Zeit und Raum, über das Dasein und über das geheimnisvolle Leben des Klanges.
Klaus Schedls Running Man von 1997 bis 1999 eröffnet das Programm, Mark-Anthony Turnages On All Fours von 1985 beschließt es, und dazwischen steht Hans-Jürgen von Boses Befragung für Klarinette und Streicher von 1988. „So schnell wie möglich“ verlangt die Partitur von Schedls Stück, das in häufig wechselnden Metren rastlos vorandrängt, bis kurz vor Schluss eine Passage senza misura ein jähes Innehalten vortäuscht; der Titel spielt auf Paul Michael Glasers Film von 1986 nach Stephen King an, nur das Happy End bleibt aus. Von Boses Befragung, im Auftrag der Jürgen-Ponto-Stiftung entstanden, meint nach den Worten des Komponisten nichts Außermusikalisches, sondern die Begegnung der Soloklarinette mit den Streichern. Turnage schrieb On All Fours für ein Kammerensemble aus Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott, Saxophon, Trompete, Posaune, Schlagzeug, Klavier, Violine, Viola, Violoncello und Kontrabass. Aufgenommen wurde im Februar und Mai 2000 in den BAVARIA Tonstudios in München, unterstützt von der Forberg-Schneider-Stiftung; die Leitung hat Christian Günther, die Sopranpartie singt Christin Molinar. Die fünf Werke stehen mit Spielzeiten zwischen zehn und knapp vierzehn Minuten gleichgewichtig nebeneinander.
