Harmonien und Kontrapunkte zwischen Deutschland und Amerika durchziehen die Musikgeschichte auf beiden Seiten des Atlantiks, schreibt Austin Clarkson, Leiter der Stefan Wolpe Archives, im Begleitheft. Im 19. Jahrhundert lag das Musikleben in den Vereinigten Staaten und Kanada oft in den Händen von Musikern und Dirigenten, die in Deutschland ausgebildet worden waren, und in Amerika geborene Musiker vollendeten ihre Ausbildung an den Musikhochschulen in Leipzig und Berlin. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts versuchten viele nordamerikanische Komponisten, sich von der europäischen Tradition zu befreien — und das bedeutete, sich gegen die Hegemonie von Haydn, Mozart, Beethoven, Schumann, Brahms und Wagner aufzulehnen.
Gelungen ist das in unterschiedlichem Maß, und zwar dort, wo sie sich auf die amerikanische Klanglandschaft einließen. Die von Charles Ives begründete amerikanische Tradition des Experimentierens schuf eine Ästhetik, die sich grundlegend von der gängigen europäischen Musik unterschied; ein immer größer werdender Kreis folgte seinem Beispiel und weitete die Horizonte: Carl Ruggles, Edgard Varèse, Henry Cowell, Ruth Crawford Seeger, Harry Partch, Colin McPhee, John Cage, Henry Brant und Lou Harrison. Sie boten ein außerordentliches Spektrum an Alternativen zur vorherrschenden bürgerlichen Musikkultur, indem sie europäischen Grundsätzen von Form, Tonalität, Instrumentierung, melodischer und harmonischer Kohärenz und der kulturellen Funktion von Musik den Kampf ansagten.
Stefan Wolpe wuchs in Berlin auf, wo er mit Ferruccio Busoni, den Dadaisten, den linksgerichteten Expressionisten des Melos-Kreises um Hermann Scherchen und den Künstlern des Bauhauses in Weimar in Berührung kam. 1933 floh er aus Deutschland nach Palästina, wo er von 1934 bis 1938 mit der Pianistin Irma Schoenberg Wolpe lebte, bevor beide in die Vereinigten Staaten einwanderten und an mehreren Schulen in Philadelphia, New York und North Carolina unterrichteten. 1956 begleitete David Tudor — der 1943 nach Philadelphia gekommen war, um bei Irma Klavier und bei Stefan Komposition zu studieren — Wolpe nach Europa, wo sie bei den Darmstädter Ferienkursen auftraten und Wolpe über die aktuellen Entwicklungen in Amerika sprach.
Diese Vorlesung markierte die Rückkehr des deutschen Avantgardisten in sein Heimatland, wobei er gleichzeitig Neuigkeiten aus der Neuen Welt mitbrachte. Wolpes eigene Musik offenbarte seine Verbindung mit dem abstrakten Expressionismus der New Yorker Dichter- und Malerschule; durch die Rückkehr nach Europa aber wurde der im Exil lebende Komponist, vermittelt durch die jungen Komponisten dort, zu einem neuen Aufbruch innerhalb seines eigenen Werkes inspiriert. Aus dieser späten Phase stammt das Trio in two parts für Flöte, Violoncello und Klavier von 1963/64, das Herzstück dieses Programms.
Das Wolpe-Trio, selbst ein Produkt deutsch-amerikanischer Zusammenarbeit, stellt daneben Werke, die die Wechselwirkung seit dem Zweiten Weltkrieg auf den Punkt bringen: Dietrich Hahnes zweiteilige Fourtunes von 1992, Erik Lunds elfminütige Raccontini von 1996, das Trio Set des Cellisten Scott Roller von 1993 mit den Sätzen Gazes, Metabop, Warlocks und Stages sowie Manfred Stahnkes Ritus von 1979 in fünf knappen Abschnitten. Dass die Musiker wichtige Komponisten anregen konnten, für ihr Ensemble zu schreiben, bezeugt ihre Verbundenheit mit dem avantgardistischen musikalischen Denken — die Kontrapunkte und Harmonien spielen weiter. Aufgenommen wurde im April und Mai 1998 im Erholungshaus der Bayer AG in Leverkusen; die CD spielt 62:25. Wolpes Nachlass liegt in der Paul Sacher Stiftung in Basel; die 1981 gegründete Stefan Wolpe Society fördert die Verbreitung seiner Musik.
