Während seines anderthalbjährigen zweiten Aufenthalts in Großbritannien 1794/95 schrieb Joseph Haydn seine drei letzten Klaviersonaten für die dort lebende deutsche Pianistin Theresa Jansen. Auffällig ist, wie stark sie von den Entwicklungen im Klavierbau geprägt sind, an denen die englischen Instrumentenbauer damals wesentlichen Anteil hatten. Weil Haydn in der Sonate Nr. 60 in C-Dur, Hob. XVI/50 den Tonumfang bis zum a ausweitet — eine Terz höher, als es bis dahin möglich war —, vermutet man, dass sie die eigentlich letzte der drei ist. Im Kopfsatz verwendet er zudem neuartige Pedalisierungsvorschriften, die zweimal Harmoniewechsel ins „open Pedal“ hereinnehmen und so neue Farbmischungen erzielen. Auch die dynamischen Angaben sind von einem Reichtum, der erst in Beethovens Klaviersatz zur Selbstverständlichkeit wird.
Den größten Teil seines Begleittexts widmet Thomas Leander der Artikulation. Die Musik des Barock bis zum Ende des 18. Jahrhunderts galt allen Musiktheoretikern der Zeit als „Sprache in Tönen“; Beethoven erklärte noch, seine Musik sei nicht zu verstehen, wenn man der Prosodie der deutschen Sprache nicht mächtig sei. Aus dieser Orientierung an der Sprache erklärt sich der aus heutiger Sicht sparsame Gebrauch von Artikulationsbezeichnungen etwa in den Klavierwerken Johann Sebastian Bachs: Sie waren überflüssig, weil die Interpreten die Regeln so geläufig kannten wie wir die Aussprache unserer Muttersprache. Selbst Mozart notierte sie nur dort, wo er eine bestehende Regel umgehen wollte. Haydn dagegen ist mit seinen genauen Aussprachevorschriften geradezu als Revolutionär anzusehen — er nimmt dem Interpreten die Qual der Wahl.
Berühmt ist Haydn ebenso für seinen sprichwörtlichen Humor, und die Mittel sind vielfältig: harmonische Wendungen, formale Verstöße gegen das bisher Übliche, Passagen, die einfach, naiv oder laienhaft klingen und den Hörer an Haydns eigenem Spaß daran teilhaben lassen. Seine langsamen Sätze sind ernst, vielleicht sogar feierlich, durch ihre Sprache in Tönen aber — wie in einem Dialog — eine inhaltliche und dramatische Auseinandersetzung; man hört Worte als Musik klingen. Die üblichen Mittel genügen ihm dafür nicht mehr: Er braucht die Artikulationsbezeichnungen, um in die Charaktere seiner Themen, in die Stimmungen seiner Durchführungen, in die Launenhaftigkeit und Erzählfreude seiner Werke zu führen. Über seine Arbeit stellt Leander ein Wort aus Tschechows „Möwe“: dass es nicht auf alte und nicht auf neue Formen ankomme, sondern darauf, dass etwas frei aus der Seele hervorströme.
Thomas Leander, 1960 in Düsseldorf geboren, studierte an der Robert Schumann Hochschule bei Herbert Drechsel, in Wien bei Paul Badura-Skoda und in London bei Geoffrey Parsons. Nach der künstlerischen Abschlussprüfung „mit Auszeichnung“ begann er seine Laufbahn als Solist und Liedbegleiter; er gab Klavierabende in San Francisco, Washington, New York, London, Florenz, Rom, Warschau und Salzburg und begleitete Karl Ridderbusch und Hermann Prey, unter anderem an der Mailänder Scala und im Cuvilliés-Theater München. 1987 spielte er in Mannheim das Klavierkonzert von Alfred Schnittke zur deutschen Erstaufführung; Tourneen führten ihn nach Moskau, St. Petersburg, Kiew und Minsk. Seit 1987 leitet er eine Klavierklasse an der Robert Schumann Hochschule Düsseldorf, die ihn 1995 zum Professor berief. Die Aufnahme entstand am 8. sowie am 20. und 21. September 1995 in der Festhalle Viersen; das Coverbild stammt von dem Düsseldorfer Maler Michael Irmer, der 1996 an den Folgen eines Verkehrsunfalls starb.
