Leben und Werk José Lidons knüpfen an die klanglichen und kompositorischen Errungenschaften des Spätbarock an und weisen den Weg zur Frühromantik. Wie Padre Antonio Soler stammte Lidon aus einem musikalischen Elternhaus; ausgebildet wurde er im Knabenchor der Königlichen Kapelle in Madrid. Sein Lehrer, der Organist und Theoretiker José de Nebra, hatte Jahre zuvor schon Soler beeinflusst und wahrscheinlich auch unterrichtet. Nach frühen Erfolgen als Organist der Kathedrale von Orense, als Nebenorganist der Königlichen Kapelle und als Kapellmeister der Gräfin Benavente, die in engem Kontakt zu Joseph Haydn stand, wurde Lidon 1787 zum ersten Organisten der Königlichen Kapelle berufen.
Dort stand ihm eine Orgel von Jordi Bosch aus dem Jahr 1778 zur Verfügung – ein Werk desselben Meisters, der 1762 als junger Orgelbauer das heute in Sant Andreu in Santanyi stehende Instrument geschaffen hatte. Nach Schmeding sind Lidons Orgelwerke mit ihren Angaben zur klanglichen Ausführung genau für den Orgeltypus bestimmt, den Bosch in Santanyi zuerst verwirklichte und in der königlichen Orgel in Madrid vollendete.
Zwei Sammlungen schrieb Lidon unmittelbar für den Gebrauch in der Messe. Die Seis Piezas o Sonatas sueltas sind als Versetten im achten Psalmton angelegt, auch wenn der Bezug zur Psalmodie nur noch lose durchscheint. Den 4 Piezas para la Misa stellt er teils klare Hinweise zur liturgischen Verwendung voran, als Offertorium oder zur Elevation; denkbar sind ebenso Vor- und Nachspiel oder eine Epistelsonate zwischen den Lesungen, wofür schon Wolfgang Amadeus Mozart seine Kirchensonaten für den Salzburger Dom geschrieben hatte.
Die übrigen Werke, für Orgel oder wahlweise Clave, zeigen Lidons Verwurzelung im spanischen Stil ebenso wie die Berührung mit dem Wiener Stil Joseph Haydns über seine Kapellmeistertätigkeit. Die Sonata de 1er tono, für Orgel mit Trompete, folgt in zweiteiliger Form und Motivik Scarlatti und vor allem Soler. Weiter geht die Sonata in F, bestimmt für die Trompeta Real: Sie verbindet Fanfarenmotivik mit klassizistischen Wendungen und motivischer Arbeit. Besonders groß angelegt ist die Sonata de 6° tono in F. Im Preludio wechseln zweimal Akkordblöcke mit einem filigranen, virtuosen Bicinium, das Andante gustoso nutzt die Teilung der spanischen Orgel in Bass und Diskant für Echowirkungen, und das Allegro con spirito setzt die volle Orgel, das Lleno, dagegen. Der Capricho de organo und die Varios juegos por diferentes tonos de imitacion, en tema de sonata, para varios registros bringen klassische Miniaturformen in spanischem Klanggewand.
Jordi Bosch (1739–1801) war der Sohn des Orgelbauers Mateu Bosch, der um 1746 die Orgeln des Klosters Sant Jeroni in Palma und in Sencelles baute. Mit zwölf Jahren verwaist, lernte er bei seinem Onkel Pere Josep und später bei Leonardo Fernandez Davila in Granada. Von seinen großen späten Werken blieb nur die Orgel im Königspalast in Madrid erhalten. Die Orgel in Santanyi restaurierte Gerhard Grenzing in drei Schritten: 1982 den erhaltenen Bestand, 1986 die monumentale Mixtur, 2002 die großen hölzernen Pedalpfeifen. Getragen wurden die Arbeiten auch von Spenden; Irmgard Schörghuber ermöglichte die Rekonstruktion der Pedalpfeifen sowie die Reinigung und Stimmung, die Daniel Grenzing 2011 ausführte und ohne die diese Edition nach Gerhard Grenzing nicht möglich gewesen wäre.
