Im Frühjahr 1708 trafen sich im Palazzo des Kardinals Pietro Ottoboni in Rom zwei 23-jährige Musiker zum Wettstreit, Georg Friedrich Händel und Domenico Scarlatti; an der Orgel soll Scarlatti selbst Händel den Vorrang zuerkannt haben. Der Sohn Alessandro Scarlattis, schon als Opernkomponist, Hoforganist und Kapellmeister in Neapel, Venedig und Rom hervorgetreten, wurde 1714 Kapellmeister am Petersdom. 1719 ging er an den Hof von Lissabon, wo er vor allem die Prinzessin Maria Barbara unterrichtete, in deren Gefolge er bis zu seinem Tod 1757 blieb. Nach ihrer Heirat mit dem spanischen Kronprinzen Ferdinand VI. 1729 konzentrierte er sich auf Unterricht und Komposition für Cembalo, zunächst in Sevilla, ab 1733 in Madrid.
In seinen mehr als 500 überlieferten Sonaten verbindet Scarlatti spieltechnische Raffinesse mit Experimentierlust in Harmonik, Rhythmus und Melodik. Die spanische Volksmusik diente ihm nicht als bloßes Kolorit, sondern ging in die Substanz seiner Werke ein; damit entfernte er sich von der konservativ-polyphonen Ästhetik der spanischen Barockkomponisten. Nach Charles Burney (1773) hielt Scarlatti es für nahezu die einzige Regel eines Mannes von Genie, dem Gehör nicht zu missfallen.
Da sich die Fugenform besonders für die Orgel eignet, enthält dieser Band mehrere Fugen. Die Sonata K. 30 in g aus den 1738 in London gedruckten „Essercizii“ trägt den Beinamen „Katzenfuge“: Die Töne ihres Themas klingen im einstimmigen Beginn wie eine atonale Folge, als spränge eine Katze über die Tasten, obwohl sie sich alle leittönig auf die Grundharmonie beziehen lassen. Die Sonata K. 58 in c lebt von der absteigenden Chromatik ihres Themas; in der weit ausladenden Sonata K. 417 in d führt ein durchgehender Achtelkontrapunkt zu einer Schlussstretta, in der alter Fugenstil und moderner Figurationsstil zusammenfinden. Konservativer ist die Sonata K. 93 in g angelegt, deren langer Schlussorgelpunkt auf die Orgel weist.
Einige Sonaten tragen Spuren einer Bestimmung für die Orgel. Die Sonata K. 287 in C „Per Organo da camera con due Tastatura Flautato è Trombone“ und die Sonata K. 288 in C enthalten originale Angaben zu den zwei Manualen, zur Registrierung und, mit Pfeilen, zum Manualwechsel; in der Sonata K. 328 in G sind Passagen mit Organo und Flauto bezeichnet. Sonaten im Fanfarenstil wie die Sonata K. 159 in C (B) lassen sich auf die Trompeteria übertragen, und die dissonanten Überbindungen der Sonata K. 52 in d erklingen mit den Flautas dobles, zwei schwebend zueinander gestimmten Flötenregistern.
Die Orgel von Sant Andreu, auf der Schmeding im April 2011 spielte, hat zwei Manuale, Organo Mayor und Cadireta, mit geteilten Registern für Bass und Diskant sowie ein Pedal mit acht Tönen. Gerhard Grenzing beschreibt im Begleitheft, wie Jordi Bosch mit ihr die Tradition der Insel verließ, deren Orgeln noch den Geist der Renaissance spiegelten: Er baute eine Mixtur von 22 bis 25 Reihen, die mit 1128 der 2472 Pfeifen als größte der Welt gilt, eine prachtvolle Trompeteria, eine hölzerne Posaune 16’, breite Schlitze zum Stimmen der Pfeifen und einen doppelten Windkasten. Diapason zeichnete die Edition mit „5 Diapason“ aus, klassik.com empfahl sie.
