Die Mallorca Edition Historische Orgeln umfasst fünf SACDs mit Orgelmusik, die Martin Schmeding 2011 an drei historischen Instrumenten der Insel aufnahm, und eine sechste mit Gesprächen, die Mirjam Wiesemann mit ihm und dem Orgelbauer Gerhard Grenzing führte. Jedem Komponisten gilt eine eigene SACD. Die ersten drei Bände mit Werken von Padre Antonio Soler, Domenico Scarlatti und José Lidon entstanden in Santanyi; mit ihnen vollzieht sich, wie Schmeding im Begleitheft schreibt, der Schritt vom hohen Barock zu Klassik und Frühromantik.
Soler war wie Scarlatti der Sohn eines Musikers. Er sang als Knabe in der Escolania des Klosters Montserrat, wo ihn unter anderem José Elias ausbildete, ein Schüler von Juan Bautista Cabanilles, und wurde 1744 mit gerade 15 Jahren Kapellmeister der Kathedrale von Lérida. Später trat er in den Orden der Hieronymiten ein; ab 1752 war er Organist, Kapellmeister und Geistlicher im königlichen Kloster El Escorial. Neben geistlicher Vokalmusik schrieb er dort rund 120 Sonaten für Tasteninstrumente, vorrangig für den Unterricht des Prinzen Don Gabriel. Ob seine Selbstbezeichnung als „scolare di Sr. Scarlatti“ in einem Brief an Padre Martini ein direktes Schülerverhältnis meint, ist nicht gesichert.
Die zweiteilige Sonatenform übernahm Soler von Scarlatti, setzte aber auf kürzere Phrasen, eingeschobene Fermaten für improvisierte Kadenzen, sprunghaft kontrastierende Motive und häufige Modulationen. Der Wechsel tonaler und modaler Wendungen, übermäßige Intervalle, kleinräumig-virtuose Motivwiederholungen und spanische Tanzrhythmen prägen die Sonata 48 en Modo Dorico, die Sonata 80 en Modo Dorico und die Sonata 117 en Modo Dorico (Re Menor). Den barocken polyphonen Satz beherrschte er ebenso, wie die Sonata 65 zeigt, ein Intento, das Thema und Umkehrung großformatig durchführt; die Sonata 33 en Sol Mayor und die Sonata 44 en Do Mayor erinnern dagegen an Sonatensätze der Wiener Klassik.
Die meisten Sonaten Solers waren wohl für Cembalo gedacht; die Sonata 4 en Sol Mayor, die Sonata 12 „de la Coroniz“ en Sol (Fa) Mayor und die Sonata de Clarines 54 en Do Mayor verraten jedoch den Organisten, der die Fanfarenwirkungen der spanischen Trompeteria genau kannte. Die Sonata 28 en Do Mayor und die Sonata pastoril 42 en Mi Mayor greifen mit einfachen, ostinaten Bassmotiven den Hirtenton der Zeit auf. Am Ende steht der Fandango, mit mehr als 13 Minuten das längste Stück des Albums: eine fast endlose Folge virtuoser Variationen über einem ostinaten Harmoniegerüst, wie sie den ursprünglich von Gitarre und Kastagnetten begleiteten Tanz kennzeichnet. Soler schöpft darin die Möglichkeiten des von Scarlatti entwickelten Cembalostils aus, fügt klassizistische Wendungen ein und lässt sogar bitonale Schärfen nebeneinanderstehen.
Die Aufnahmen entstanden im April 2011 in der Pfarrkirche Sant Andreu, dem Mittelpunkt des Städtchens Santanyi im Südosten Mallorcas. Ihre Orgel hatte Jordi Bosch 1762 für das Dominikanerkloster in Palma gebaut; nach der Auflösung der Klosterorden kam sie 1837 nach Santanyi und wurde dort aus Platzmangel nur teilweise wieder aufgebaut. Seit 1982 betreut Gerhard Grenzing das Instrument. Die Edition stand auf der Bestenliste 3/2017 des Preises der deutschen Schallplattenkritik, war für die International Classical Music Awards (ICMA) 2017 nominiert (Best Collection) und wurde bei MusicWeb International Recording of the Month.
