Das Magische ist in meiner Psyche immanent — der Satz von Günther Becker steht über diesem Band. Rainer Peters, langjähriger Freund und Kollege, beschreibt im Gespräch den Kontrast zwischen Beckers Musik und seiner äußeren Erscheinung: höflich, korrekt, mit guten Umgangsformen und wechselnden Bartmoden, in feine Tuche gekleidet — die Musik hingegen voller Attacke, Aggression und Geräuschanteile, gern über die Grenzen der Instrumente hinaus. Becker liebte Nonsens-Sätze ebenso wie griechische Tanzmusik, Klavier solo nicht weniger als multimediale Spektakel, pragmatisches, genaues Arbeiten ebenso wie das Geheimnis an sich.
Und er liebte Griechenland: Von 1956 bis 1968 lebte er mit seiner Frau Ruth in Athen. Sie erzählt auf der zweiten SACD farbenreich von dieser Zeit und aus dem gemeinsamen Leben — von der ersten Begegnung bis zu den letzten Stunden — und beleuchtet die politischen und gesellschaftlichen Umstände, die diese Lebensabschnitte begleiteten. Viele von Beckers Kammermusikwerken wurden in Darmstadt uraufgeführt; sein Orchesterstück stabil – instabil von 1965 gilt als Durchbruchswerk und war 1968 der bundesrepublikanische Beitrag zum Weltmusikfest der IGNM in Warschau. Sein Beitrag zur elektronischen Musik führte ihn zur Professur für Komposition und Live-Elektronik am Düsseldorfer Robert-Schumann-Institut.
Mit der Gesamteinspielung des Klavierwerks widmet sich Benjamin Kobler einem Zweig dieses weitverzweigten Schaffens, dem bislang wenig Aufmerksamkeit galt. Die Vier Bagatellen von 1954 stehen am Anfang, die Drei Phasen von 1965 arbeiten mit Augmentation und Diminution, divergierenden Bewegungsabläufen und einem Satz, der so schnell wie möglich zu spielen ist. Es folgen die Studie über einen Akkord von 1970 und die vier Mikrografien von 1973. Die Zeitspuren für zwei Klaviere von 1987/88, die Kobler mit Laura Alvarez spielt, tragen Psalmworte als Satztitel: „Wünschet Jerusalem Glück“, „dir zum Volk in Ewigkeit“, „und die Seelen der Erschlagenen schreien“ und „Friede sei über Israel“.
Becker selbst kommt in Tondokumenten von 1984 und 1999 zu Wort; die Aufnahmen von 1999 entstanden in der Wohnung von Ruth und Günther Becker in Bad Lippspringe. Dort sprach Mirjam Wiesemann im Mai 2011 auch mit Ruth Becker. Das Gespräch mit Rainer Peters führte sie im Dezember 2015 in den Cybele Studios; wenige Tage später las Beckers Kollege und Freund Oskar Gottlieb Blarr seinen Geburtstagsbrief für Günther Becker von 1994, mit dem die Edition schließt.
Die Klavieraufnahmen entstanden im Juli 2010 im Kammermusiksaal des Deutschlandfunks in Köln, einer Koproduktion mit dem Sender.
