Ich bin überzeugt, dass all diese Dinge, die ja sehr komplexe Vorgänge sind, so angelegt sind, dass jeder Hörer, ganz gleichgültig, welcher intellektuellen und sozialen Schicht er angehört, irgendwo gepackt wird — so Bernd Alois Zimmermann in den O-Tönen dieser Edition. Sein symphonisches Werk ist in mancher Hinsicht extrem aufwändig zu realisieren, weil es Instrumente verlangt, die man selten hört: die Glasharfe im Cellokonzert, für die es kaum Spieler gibt, und das Cymbalom. In seinen größten Arbeiten wollte er die komplexesten Zusammenhänge des Zeitgeschehens und seiner Weltanschauung verarbeiten, als sei jede dieser Schöpfungen die einzige und vielleicht auch die letzte. Zugleich hatte er schwere Kriegserlebnisse zu verkraften, die ihn nachhaltig traumatisierten.
Das Concerto pour violoncelle et orchestre en forme de „pas de trois“ von 1965/66 ist hier erstmals mit Glasharfe auf Tonträger zu hören. Seine fünf Sätze tragen Szenentitel — Dans la vallée des songes, La Fée, „Don Quichotte“ et la Sentimentale, Les trois cygnes blancs, Les trois paladins und ein abschließender Blues e Coda. Jan-Filip Tupa, Cellist und Zimmermann-Kenner, spielt den Solopart, Sascha Reckert und Philipp Marguerre bilden das Glasharfenduo sinfonia di vetro.
Die Musique pour les soupers du Roi Ubu, ein Ballett noir nach Alfred Jarrys Königsgroteske, entstand zwischen 1962 und 1967 und führt durch acht Szenen von der Entrée de L’Académie bis zur Marche du décervelage. Am Ende der ersten SACD steht dazu ein modernes Märchen von Elke Heidenreich, das die Autorin eigens für diese Produktion geschrieben und gesprochen hat: Sicher auf dem Seil der Musik über die Abgründe des Daseins, in acht Bildern vom nicht amüsierten König bis zu dem Satz Alwa ist gegangen. Stille und Umkehr, die Orchesterskizzen von 1970, sind Zimmermanns letztes vollendetes Werk.
York Höller studierte von 1967 bis 1970 bei Zimmermann — genau in den Jahren, in denen diese Spätwerke entstanden; die Arbeit am Roi Ubu erlebte er unmittelbar mit. Im Gespräch mit Mirjam Wiesemann erinnert er sich an diese letzten Jahre und spricht über persönliche Werte, über seine eigenen Werke und über die existentielle Bedeutung der künstlerischen Arbeit. Zimmermann selbst kommt in Aufnahmen zu Wort, die im Sommer 1968 in seinem Haus in Großkönigsdorf entstanden: über seine Geburt und die ererbte Musikalität, über die Studienzeit und sein frühes Interesse an der verbotenen neuen Musik.
Die Orchesteraufnahmen entstanden 2012 im Funkstudio des SWR in Stuttgart, Elke Heidenreichs Märchen im August 2013 in den Cybele Studios in Düsseldorf und das Gespräch mit York Höller am 16. Juni 2016 in dessen Haus in Köln. Die Edition erhielt den Jahrespreis 2017 des Preises der deutschen Schallplattenkritik und den Opus d’Or Award von opushd.net.
