Mit seinen beiden Orgelkonzerten, entstanden zwischen 1884 und 1894, betrat Josef Gabriel Rheinberger Neuland. Die bürgerlichen Konzertsäle des 19. Jahrhunderts besaßen zwar meist eine große Konzertorgel, doch kein anderer Komponist seiner Zeit kam auf den Gedanken, sie als konzertierendes Instrument mit dem Orchester zu verbinden; Hector Berlioz hatte in seiner Instrumentationslehre von einer „geheimen Antipathie“ zwischen den beiden Mächten gesprochen. Rheinberger, der schon als Siebenjähriger in seiner Heimatkirche in Vaduz als Organist auffiel und später als königlicher Hofkapellmeister und Professor für Orgel und Komposition in München großen Einfluss hatte, umging diese Klippen: Er verzichtet auf Holzbläser, deren Ton ähnlich wie der Orgelton entsteht, und stellt der Orgel ein üppiges Streichorchester gegenüber, das nur für die Höhepunkte Trompeten, Hörner und Pauken verstärken.
In Jörg Endebrocks Bearbeitung des Orgelkonzerts Nr. 2 in g-Moll Op. 177 übernimmt die Walcker-Orgel den Orchesterpart; ihr runder, eher orchestraler Klang hebt sich deutlich vom strahlenden, neobarocken Klang der Klais-Orgel ab. Übernimmt eine zweite Orgel das Orchester, verschwinden die Probleme, die Berlioz bemängelte. Zugleich zeigt sich, dass das Werk kein virtuoses Schaustück ist: Rheinberger behandelt beide Klangkörper gleichberechtigt, sodass das Konzert eher einer Sinfonie für zwei Klangkörper gleicht, getragen von kantabler Melodik und farbiger Harmonik.
Modest Mussorgsky komponierte die „Bilder einer Ausstellung“ 1874 für Klavier. Die Sätze beschreiben Gemälde und Zeichnungen seines im Jahr zuvor gestorbenen Freundes Viktor Hartmann, die er auf einer Gedächtnisausstellung gesehen hatte; Promenaden zeichnen den Weg des Betrachters von Bild zu Bild nach. Endebrocks Fassung orientiert sich an der Orchestrierung von Maurice Ravel. Schon die Klavierfassung ist reich an dialogischen Passagen: Die spielenden Kinder in den Tuilerien und die Marktschreier auf dem Marktplatz von Limoges rufen einander nun über den Kirchenraum hinweg zu, und der Gegensatz zwischen dem armen und dem reichen Juden im Bild von Samuel Goldenberg und Schmuyle verteilt sich auf die beiden gegenüberstehenden Instrumente. Die Schlagzeugstimmen aus Ravels Fassung verleihen vor allem dem Bogatyr-Tor in Kiew seine Pracht; ganz am Ende ist der Zimbelstern der Klais-Orgel zu hören.
Die 1911 erbaute Lutherkirche Wiesbaden ist ein Bau des Jugendstils. Vorn auf der sogenannten Sängerbühne steht das romantisch-sinfonische Instrument der Firma Walcker, eines der wenigen erhaltenen Großinstrumente der elsässisch-neudeutschen Orgelreform, die mit den Namen Émile Rupp und Albert Schweitzer verbunden ist und von der klangstarken zur klangschönen Orgel zurückkehren wollte; die Deutsche Stiftung Denkmalschutz stuft es als Monument von nationaler Bedeutung ein. Gegenüber steht die dreimanualige Klais-Orgel mit 44 Registern und mechanischer Traktur. Jörg Endebrock, 1970 in Osnabrück geboren, betreute von 2008 an die Musik an der Lutherkirche; Konrad Graf ist seit 1991 Schlagzeuger im hr-Sinfonieorchester Frankfurt. Aufgenommen wurde im Juni 2017.
