Im Begleitheft geht Ilka Seifert von den Vorstellungen aus, die sich im 19. Jahrhundert über die Liebe herausbildeten – Liebesheirat, Monogamie und Treue –, und von Sehnsüchten, die sich nicht einfach einlösen lassen und Liebe und Wahn mitunter nah zusammenrücken. Dem Künstler, einer Art Seismologen gesellschaftlicher Befindlichkeit, gestand man leidenschaftlichere Gefühle zu als anderen; umso mehr schien er dazu bestimmt, die im sozialen Konsens verdrängten Leidenschaften bis zum Exzess auszudrücken und seinem Publikum so eine Katharsis zu ermöglichen. An Leben und Werk von Hector Berlioz und Richard Wagner lässt sich das nachvollziehen.
Mit „Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg“ entwarf Wagner 1842, gleich zu Beginn seiner Karriere, eine romantische Oper über genau dieses Spannungsfeld: den Widerstreit der triebhaften Gefühle, die der Titelheld im Venusberg erlebt, mit der „reinen“, selbstlosen Liebe Elisabeths. Den Stoff verlegte er in ein mythisches Mittelalter und verband die Sage von Heinrich von Ofterdingen und dem Dichterwettstreit mit der vom Venusberg (Hörselberg) bei Eisenach; von hier an entwickelte er die Leitmotivtechnik immer differenzierter weiter. Mit dem „Tannhäuser“ wollte er 1861 in Paris berühmt werden. Weil er sich weigerte, im zweiten Akt ein Ballett vorzusehen, fügte er auf Verlangen der Opernleitung eine Szene direkt nach der Ouvertüre ein: Die Ouvertüre geht attacca in die Venusberg Musik über, das Bacchanal im Venusberg – kein Ballett, sondern eine getanzte oder pantomimische Orgie, die Wagners Regieanweisungen in der Partitur mit Nymphen, Bacchantinnen, Satyrn und Faunen bevölkern. Die ausverkauften Pariser Vorstellungen schrie die Claque nieder, die Wagner nicht bezahlt hatte; nach der dritten zog er die Oper zurück, doch der Skandal trug nicht wenig zu seinem Ruhm bei.
Hector Berlioz’ Symphonie Fantastique Op. 14 trägt den eigentlichen Titel „Épisode de la vie d’un artiste“ und war als erster Teil eines Monodrame lyrique angelegt, dessen Fortsetzung „Lélio ou le retour à la vie“ heißt. Statt der üblichen vier Sätze mit ähnlichen Formplänen schrieb Berlioz fünf Sätze anderer Struktur, die eine Melodie als „idée fixe“ in immer neuen Gestalten durchzieht; er erweiterte das Orchester um zusätzliche Instrumente und stellte dem Werk ein ausführliches Programm voran, das von der obsessiven, unerwiderten Liebe eines jungen Künstlers erzählt und über Mord- und Bestrafungsfantasien in einen Hexensabbat mündet. Robert Schumann reagierte auf dieses Programm fast pikiert: Die fünf Hauptüberschriften, von „Träumereien, Leidenschaften“ bis „Traum einer Walpurgisnacht“, hätten genügt. Die Musik gewordene Krise ist autobiographisch: Bei einem Gastspiel des „Hamlet“ in Paris hatte sich der 23-jährige Berlioz auf den ersten Blick in Harriet Smithson verliebt, die Darstellerin der Ophelia, und warb über zwei Jahre vergeblich um sie. Die Uraufführung 1830 im Pariser Konservatorium begründete seinen Ruhm. 1832 erkannte Smithson bei einer Aufführung von „Lélio“ offenbar, dass sie selbst die „idée fixe“ dieser Musik war; kein Jahr später heirateten die beiden, trennten sich aber bald wieder.
Im August 2016 übernahm die Britin Julia Jones als Generalmusikdirektorin die Leitung des Sinfonieorchesters Wuppertal, das seit 2004/2005 Toshiyuki Kamioka geleitet hatte. Zuvor war sie von 1998 bis 2002 Chefdirigentin am Theater Basel und von 2008 bis 2011 am Teatro Nacional de Sao Carlos und beim Orquestra Sinfonica Portuguesa in Lissabon; als Operndirigentin hat sie sich vor allem mit Mozart und dem italienischen Repertoire einen Namen gemacht. Unter Kamioka hatte das Orchester in Mailand und Japan gastiert und 2011 im Concertgebouw Amsterdam debütiert. Der Mitschnitt entstand bei den Konzerten am 11. und 12. März 2018 in der Historischen Stadthalle Wuppertal; nach dem Band mit Werken von Dohnanyi und Brahms ist es die zweite Folge der Wuppertaler Live-Reihe in der 3D-Binaural-Stereo Serie von hd-klassik.
