Regers Freund und Biograph Fritz Stein beschrieb die Lage, in der sich der Komponist nach seinem körperlichen und seelischen Zusammenbruch am Ende der Wiesbadener Zeit befand, mit den Worten: durch alle Tiefen und Höhen des Menschseins und Gotterlebens ist die von dämonischen Gewalten zerrissene Seele des ringenden Künstlers hindurchgeschritten. Zurück im Elternhaus in Weiden setzte sich Reger mit den existenziellen Fragen auseinander; die Texte der protestantischen Kirchenlieder boten ihm dafür eine Fülle von Aussagen. In zeitlicher Nähe zu den Choralphantasien las er Tolstoi und Ibsens Wenn wir Toten erwachen.
Dass er seine letzten Choralphantasien von vornherein als Trilogie plante, zeigt eine Karte vom 24. Juni 1900 an Alexander Wilhelm Gottschalg: Opus 51 werden 3 Choralphantasien großen Styls. Offen war zunächst nur die Wahl der Choräle. Ein vernichtender Verriss des Rezensenten Georg Göhler, der ihm Mangel an innerer Notwendigkeit und erfinderische Schwäche vorwarf, dürfte die Arbeit beschleunigt haben. Sein früherer Lehrer Adalbert Lindner berichtet, Reger habe die fertigen Phantasien mit den Worten auf den Flügel geworfen: Da drinnen ist der Reger, der keine Phantasie und keine Erfindung hat.
Die drei Stücke bilden eine geschlossene dramatische Einheit. Der zerrissenen Motivik und der tiefen Depressivität von Alle Menschen müssen sterben folgt der allmähliche Aufbau durch Nacht zum Licht in der Auferstehungsvision Wachet auf, ruft uns die Stimme, die in die luftig-leichte Fuge und den abschließenden Jubel des ewigen Lobgesangs von Halleluja! Gott zu loben, bleibe meine Seelenfreud’! mündet. Zwischen dem Abschluss der ersten beiden Phantasien Anfang September 1900 und der Meldung, der ganze Zyklus sei fertig, verging kaum ein Monat.
Als Gegenstück steht am Ende das Lyrische Tonstück Liebestraum WoO III/7 von 1898, für Klavier oder Orgel geschrieben — vier Minuten, die den monumentalen Choralphantasien einen bewusst intimen Ton entgegensetzen.
Die Nikolaikirche ist die größte Kirche Leipzigs und beherbergt zugleich die größte Orgel Sachsens. Friedrich Ladegast baute sie 1862 — an seiner Merseburger Domorgel war Regers zweite Sonate uraufgeführt worden. Wilhelm Sauer hat das Instrument später umgebaut und erweitert, sodass auch seine Handschrift hier zu hören ist; die jüngste Arbeit stammt von Eule aus dem Jahr 2004.
Aufgenommen wurde vom 15. bis 18. Mai 2016 an dieser Orgel; Sauers Erweiterung stammt aus den Jahren 1902/03. Die Gesamtedition wurde für die International Classical Music Awards nominiert. Die Hybrid-SACD spielt 58:28 in Stereo, 5.1 Surround und 3D-Binaural-Stereo; das Begleitheft umfasst 58 Seiten in Deutsch und Englisch. Unterstützt wurde die Produktion vom Max-Reger-Institut / Elsa-Reger-Stiftung.
