Max Reger führte die deutsche Orgelmusik um 1900 in eine neue Dimension. Seine Werke verbinden die kontrapunktische Tradition Johann Sebastian Bachs mit spätromantischer Harmonik und den orchestralen Möglichkeiten der großen pneumatischen Instrumente. Selbst in dichtester Chromatik bleiben motivische Arbeit, Stimmführung und formale Proportion die tragenden Kräfte.
Vol. 15 der Gesamtedition widmet sich drei Choralphantasien op. 52 und Liebestraum WoO III/7. Die drei Choralphantasien über „Alle Menschen müssen sterben“, „Wachet auf“ und „Halleluja! Gott zu loben“ verbinden Strophendeutung mit monumentaler Steigerung. Der intime Liebestraum setzt dazu einen bewusst lyrischen Gegenakzent.
Martin Schmeding legt die komplexen Stimmengeflechte frei, ohne den großen Atem der Musik zu verlieren. Choralgebundene Abschnitte erhalten sprachliche Kontur, freie Formen gewinnen dramatische Richtung, und auch massive Steigerungen bleiben klar gegliedert. Seine Interpretation verbindet analytische Präzision mit der physischen Energie, die Regers Musik im Kirchenraum entfaltet.
Ein Grundgedanke der Edition ist die historisch und klanglich begründete Zuordnung der Werkgruppen zu Instrumenten aus Regers eigener Epoche. Dadurch lassen sich seine dynamischen Vorschriften und Registrierungswechsel als Teile der Komposition verstehen. Fernwerk, Schwellwerk, grundtönige Mischungen und kraftvolle Zungen formen Übergänge, Kontraste und Höhepunkte. Die Wahl der Orgel eröffnet daher keine nostalgische Kulisse, sondern einen direkten Zugang zu Regers musikalischem Denken.
Die Ladegast-Sauer-Eule-Orgel (1862/1902-03/2004), St. Nikolai Leipzig ist dafür ein historisch aussagekräftiger Partner. Grundtönige Register, charakteristische Zungen und fein abgestufte dynamische Übergänge zeigen, wie eng Regers Satztechnik mit dem deutschen Orgelbau seiner Zeit verbunden ist. Crescendo, Fernwirkung und Mischfähigkeit werden zu Bestandteilen der Form, nicht zu nachträglich hinzugefügten Effekten.
Die Produktion erschließt diese Beziehung in klassischem Stereo, 5.1-Surround und einer puristischen 3D-Binaural-Aufnahme für Kopfhörer. So werden sowohl die Architektur der Musik als auch die räumliche Staffelung des Instruments erfahrbar. Vol. 15 ist ein eigenständiges Werkporträt und zugleich Teil der 17-teiligen Gesamtschau.
