Mit dem Zyklus Op. 67 knüpfte Max Reger unmittelbar an Johann Sebastian Bach an. Die Vorbilder, das Orgelbüchlein und die Leipziger Choräle, sind in wiederkehrenden Grundmodellen greifbar: Oft entsteht der Beginn eines Vorspiels in traditioneller Imitationstechnik aus Motiven der Choralzeile, so in „Allein Gott in der Höh’ sei Ehr!“, in „Aus meines Herzens Grunde“ und in „Herzlich thut mich verlangen“. „Christus, der ist mein Leben“ dagegen ist ein ausgezierter Choral, dessen Oberstimme über harmonisch reich geführten Unterstimmen ausgeschmückt wird. Der cantus firmus wandert durch alle Lagen, vom Sopran über den Tenor bis in den Bass, und wird gelegentlich kanonisch behandelt, etwa in „Herr Jesu Christ, dich zu uns wend“.
Weite Verbreitung fanden die kurzen Stücke zunächst nicht; dafür sind ihre technischen Anforderungen trotz der Kürze zu hoch. Als Reger das bemerkte, bat er mehrere befreundete Interpreten, die Vorspiele in ihre Konzertprogramme aufzunehmen, und schrieb halb ironisch, in seinem festen Glauben an die Heiligkeit des deutschen Geistes hoffe er, dass auch diese scheinbar „alte“ Musik einmal recht gründlichst „modern“ werden werde – die Rückkehr zu Bach komme doch sicher. Das erste Heft reicht von Miniaturen unter einer Minute bis zu dem ausgedehnten „Jauchz, Erd, und Himmel, juble!“ am Schluss.
„Begabung ist das wenigste. Arbeit und immer wieder Arbeit“, hielt Reger fest: Schuften müsse man, um den Fels immer weiterzuschieben. Die strengen Maßstäbe, die Hugo Riemann und seine übrigen Lehrer ihm vermittelt hatten, setzte er bei den eigenen Schülern voraus; in München baute er sich vor seiner Berufung an die Akademie der Tonkunst einen exklusiven Kreis von Privatschülern auf. Im Zentrum der Ausbildung stand die Beherrschung der polyphonen Satztechniken. Joseph Haas, einer seiner bekanntesten Studenten, berichtete, in der Ersinnung instruktiver kontrapunktischer Übungen sei Regers Geist schier unerschöpflich gewesen, und erst wenn etwa hundert Fugen die „Absolution“ des Meisters empfangen hätten, habe ein Schüler damit rechnen können, die kompositionstechnischen Vorarbeiten einstellen zu dürfen.
Für die Orgel exerzierte Reger diese Techniken in den beiden Sammlungen op. 56 und Op. 85 exemplarisch durch. Zeitgenossen lobten Klarheit, Kürze und lineare Kontrapunktik, die dem Bild des „schwülstigen“ Reger widersprachen; in ihrer Konzeption erinnern die Vier Präludien und Fugen Op. 85 stark an das Wohltemperierte Clavier. Karl Straube hielt sie für den Orgelunterricht besonders geeignet und legte eine „pädagogische“ Ausgabe mit eigenen Zusätzen zur Interpretation vor. Die Sätze fallen sehr unterschiedlich aus: Neben ebenmäßigen Fugen im stile antico (Nr. 3 und 4) steht in Nr. 1 eine von intensiver chromatischer Kontrapunktik durchsetzte, während die zweite Fuge in typischer Scherzo-Schreibweise mit feinsinniger, kleingliedriger Artikulation gehalten ist. Auch die Präludien wechseln ihren Charakter, vom romantisch-ausdrucksvollen Charakterstück (Nr. 1) bis zur pastoralen Miniatur.
Das kurze Postludium in d-Moll WoO IV/12, 1904 im Orgelalbum bayrischer Lehrerkomponisten erschienen, verbindet eine arpeggierte Einleitung mit einem Fugato, das gegen Ende die Motivik des Beginns wieder aufnimmt. Aufgenommen wurde der Band vom 5. bis 7. Mai 2015 in der Evangelischen Kirche Essen-Werden. Sie entstand zwischen 1897 und 1900 aus zahlreichen Spenden Essener Fabrikanten, unter ihnen die in der nahen Villa Hügel residierende Familie Krupp. Passend zu den reichen Ornamenten und Wandbemalungen errichtete E. F. Walcker aus Ludwigsburg mit op. 885 eine orchestral-sinfonische Orgel im Stil der deutschen Spätromantik, trotz vergleichsweise geringer Größe von 35 Registern. Neben dem kräftigen, markanten Plenum fallen die beiden durchschlagenden Zungen des zweiten und dritten Manuals auf, Clarinette und Cor anglais, die solistischen Linien Kantabilität geben und Ensemble-Registrierungen eine eigene Färbung. Als eine der wenigen Orgeln der Jahrhundertwende im damaligen Westdeutschland blieb sie nach dem Krieg fast unverändert und wurde 1990/91 von der Werkstatt Karl Schuke (Berlin) umfassend saniert.
