Gegen die Bedenken seines Elternhauses begann Max Reger im Herbst 1890 das Theorie- und Kompositionsstudium bei Hugo Riemann, zunächst in Sondershausen, dann in Wiesbaden. Mit Feuereifer arbeitete er sich durch die Werke der alten Meister und der Zeitgenossen, allen voran Johannes Brahms, der ihm für die polyphone Ausgestaltung wie für die emotionale Tiefe der Musik zum Vorbild wurde. „Die Fugenform hat mich ganz gefangen genommen“, schrieb er damals; in einem seiner ersten Schülerkonzerte spielte er neben eigenen Stücken die B–A–C–H-Fugen Robert Schumanns, die er für die besten Orgelwerke seit Johann Sebastian Bach hielt. Jede Orgelmusik, die nicht im Innersten mit Bach verwandt sei, sei unmöglich – ein Satz, den er selbst nicht pedantisch verstanden wissen wollte.
Die Drei Stücke für Orgel Op. 7 schickte Reger 1892 mit ironischem Beiwerk an Otto Leßmann, den Redakteur der Allgemeinen Musikzeitung: Er setze sich in ihnen eine Perücke auf und vergesse nicht einmal das kleine Zöpfchen, Anspruch auf Originalität erhebe er nicht, er habe nur ein paar solide Orgelstücke schreiben wollen. Sein Londoner Verleger Augener lehnte den Zyklus zunächst ab, beraten von dem Organisten William Thomas Best, dem die Stücke zu seriös und für die Gegenwart nicht interessant genug erschienen; auch Peters sah eine zu große Bindung an die Tradition. Gedruckt wurden sie schließlich doch bei Augener. Präludium und Fuge in C-Dur stehen mit ihrer ausgelassenen Virtuosität und Motorik den frühen Orgelwerken Bachs nahe, besonders BWV 531, dessen Fuge Reger in der Themenfortspinnung zitiert; das Eröffnungsmotiv des Präludiums sequenziert er exakt vierzehnmal.
Immer wieder bricht er den barocken Gestus auf, mit galanten, quasi-klassizistischen Pedal-Vorhalten in der Mitte des Präludiums oder mit einem „norddeutsch-freien“ Einschub in der Fuge. Die beiden anderen Stücke des Zyklus greifen weiter zurück, auf die Vokalpolyphonie des 16. Jahrhunderts und auf Samuel Scheidt und Jan Pieterszoon Sweelinck. In der Fantasie über „Te Deum laudamus“ folgt auf die vierstimmige Vorstellung des gregorianischen Hymnus eine Reihe kunstvoll ausgestalteter Variationen mit Gegenbewegung, Umspielungen und Fugati, deren figurative Auszierung an Scheidts Tabulatura nova erinnert, während Harmonik und feingliedrige Dynamik die Musik in die Gegenwart holen. Die Fuge in d-Moll ist eine Doppelfuge: Reger führt beide Themen zunächst einzeln durch, in einer an Palestrina und Josquin geschulten Stimmführung, und schiebt vor ihrer Verbindung eine kurze Toccata voller überraschender Wendungen ein.
Seit Herbst 1894 arbeitete Reger an einer viersätzigen Orgelsonate. Nachdem Heinrich Reimann unter dem Titel Orgel-Sonaten. Kritische Gänge die Werke seit Felix Mendelssohn Bartholdys Sonaten op. 65 scharf angegriffen hatte, taufte er das Stück in Suite um; seinem Lehrer meldete er stolz, Bach habe in seiner Passacaglia das Thema 21-mal variiert, er selbst 32-mal. Der Kopfsatz der Suite in e-Moll Op. 16 stellt nach wuchtigen Akkordballungen und Punktierungen im quasi-barocken Ouvertürenstil eine umfassende Tripelfuge vor. Das Adagio assai führt mit kolorierter Melodiestimme in die Welt des romantischen Charakterstücks und zitiert die Choräle „Es ist das Heil uns kommen her“, „Aus tiefer Not“ und „O Haupt voll Blut und Wunden“; unmittelbar nach dem größten kakophonen Ausbruch erklingt einstimmig „Wenn ich einmal soll scheiden“, ehe der Satz in vierstimmige Choralgewissheit mündet.
Als größten Kontrast folgt ein scherzoartiges Intermezzo mit ungewöhnlichen Registrierungen und Manualwechseln, unterbrochen von einem lyrischen Trio; das Nebeneinander von Titanischem, Lyrischem und Heiter-Ironischem bleibt für Regers Schaffen charakteristisch. Auf die abschließende Passacaglia mit ihren 32 Durchführungen war er besonders stolz – die Zahl verweist auf Bachs Goldberg-Variationen und Beethovens Diabelli-Variationen. Karl Straube, damals Organist am Willibrordi-Dom zu Wesel, führte die Suite in Berlin auf und verhalf Reger damit zum Durchbruch in der Orgelwelt. Zwei eigene Werke hat Reger später für die Orgel eingerichtet, die Romanze in a-Moll WoO IV/11 und Präludium und Fuge in fis-Moll Op. 82 Bd. IV Nr. 1 u. 2 aus dem 1912 in Meiningen entstandenen Klavierzyklus Aus meinem Tagebuch; hier ist sein Bemühen um Klärung und Vereinfachung des Stils zu greifen.
Schmeding nahm das Programm vom 1. bis 3. Juni 2015 an der E. F. Walcker-Orgel op. 424 von 1884 in St. Annen Annaberg-Buchholz auf. 1987 entschied man sich dort nach langer Diskussion gegen Abriss und Neubau und für eine Renovierung, die die Firma Eule (Bautzen) bis 1995 ausführte; alle 55 überlieferten Register blieben erhalten, Ergänzungen und Rekonstruktionen folgten originalen Vorbildern. So steht in der größten reinen Hallenkirche der Spätgotik in Sachsen eines der bedeutendsten deutschen Instrumente mit mechanischen Kegelladen, im Grundaufbau eng verwandt mit der im selben Jahr gebauten Domorgel von Riga. Für die Gesamteinspielung suchte Schmeding zwischen 2014 und 2016 gemeinsam mit dem Tonmeister Ingo Schmidt-Lucas ausschließlich historische Sauer- und Walcker-Orgeln auf.
