Die sechste Folge der Max Reger Edition stellt zwei frühe Orgelzyklen einer späteren Bearbeitung eigener Klaviermusik gegenüber. Die Drei Stücke op. 7 von 1892 und die Suite in e-Moll op. 16 von 1895 führen von deutlich erkennbaren barocken Vorbildern zu einer zunehmend eigenständigen Verbindung von Kontrapunkt, Choral und romantischem Ausdruck. Präludium und Fuge in fis-Moll op. 82, Band IV, Nr. 1 und 2, ergänzen diese Perspektive um zwei knappe Stücke von 1912. Martin Schmeding spielt das Programm an der E. F. Walcker-Orgel von 1884 in St. Annen Annaberg-Buchholz.
Opus 7 umfasst Präludium und Fuge in C-Dur, die Fantasie über Te deum laudamus und eine Fuge in d-Moll. Dreiklangsbrechungen und vorwärtsdrängende Bewegung im ersten Werk erinnern an frühe Orgelmusik Bachs; eingeschobene Vorhaltsfiguren und freie Abschnitte verändern den zunächst vertrauten Gestus. In der Fantasie wird der gregorianische Hymnus zuerst vierstimmig vorgestellt. Es folgen Variationen mit Gegenbewegungen, Verzierungen und Fugati. Die abschließende Doppelfuge führt ihre beiden Themen einzeln durch und schiebt vor ihrer Verbindung eine kurze Toccata ein.
Die Suite op. 16 trägt die Widmung Den Manen Johann Sebastian Bachs. Ihr Kopfsatz verbindet den punktierten Rhythmus einer barocken Ouvertüre mit wuchtigen Akkorden und einer ausgedehnten Tripelfuge. Im zweiten Satz begegnen sich die verzierte Melodiestimme des romantischen Charakterstücks und evangelische Choralzitate: Es ist das Heil uns kommen her, Aus tiefer Not und O Haupt voll Blut und Wunden. Der Wechsel zwischen Sololinie, dichtem Satz und vierstimmigem Choral bestimmt hier den musikalischen Verlauf.
Das scherzohafte Intermezzo stellt dem ein beweglicheres Spiel mit Registrierungen und Manualwechseln gegenüber; ein lyrisches Trio unterbricht die Bewegung. Den Abschluss bildet eine Passacaglia. Ihre figurativen Steigerungen werden durch verlangsamende Einschübe und einen Durabschnitt gegliedert. Das Thema kann dabei auch in der Oberstimme erscheinen, begleitet von einer selbstständig geführten unteren Linie. Am Ende kehrt die Musik zur Gestik der einleitenden Introduktion zurück.
Präludium und Fuge in fis-Moll stammen aus der Klaviersammlung Aus meinem Tagebuch und wurden von Reger selbst auf die Orgel übertragen. Das lyrische Präludium und die knapp gefasste, kontrapunktisch ausgearbeitete Fuge setzen neben die ausgedehnten frühen Zyklen einen anderen Maßstab: Die Form konzentriert sich, die Verbindung von gesanglicher Linie und mehrstimmiger Arbeit bleibt bestehen.
Die Annaberger Walcker-Orgel besitzt eine mechanische Spielanlage, drei Manuale und zahlreiche Flöten-, Streicher- und Zungenregister. Bei der bis 1995 abgeschlossenen Restaurierung wurden die 55 überlieferten Register erhalten und Ergänzungen nach historischen Vorbildern ausgeführt. Das Instrument erklingt im Raum der spätgotischen Hallenkirche St. Annen. Die DSD-Aufnahme bietet Stereo, 5.0-Surround und eine 3D-Binaural-Fassung für Kopfhörer.
