Mit dem Erstarken seiner Gesundheit wuchs in den Weidener Jahren auch Max Regers Bedürfnis nach Öffentlichkeit und Anerkennung, und er erwies sich zunehmend als Pragmatiker. Zahlreiche Organisten hatten seine monumentalen Orgelwerke als „unspielbar“ bezeichnet; einer von ihnen teilte ihm das brieflich mit, in bester Absicht. Wo Reger zunächst mit Zurückweisung reagiert hatte, setzte sich allmählich die Einsicht durch, dass er für den allgemeinen Durchbruch als Komponist auch die weniger geübten Organisten erreichen musste. Der Peters-Verlag, der an die Stelle des Londoner Verlegers Augener trat, bat um eine Folge mittelschwerer Orgelstücke — nachdem er die Monumentalwerke kurz zuvor kategorisch abgelehnt hatte. Der fünfte Band der Max Reger Edition führt zwei Sammlungen zusammen, die aus dieser Wendung hervorgingen.
Die Zwölf Stücke für Orgel Op. 59 entstanden 1901 noch in Weiden und bedeuteten eine Umstellung der Arbeitsweise. Adalbert Lindner berichtet, der Meister habe sämtliche zwölf Stücke in vierzehn Tagen geschrieben: Jeden Abend außer sonntags habe er ihm ein druckreif notiertes Stück gebracht und ihm dazu den Bogen der ersten Niederschrift geschenkt; Nr. 1 trägt das Datum des 17. Juni. Wenn Reger die Sammlung als „allerleichtest“ ankündigte, lag darin auch ein Stück Koketterie. Sie ist ein Kompendium historischer und zeitgenössischer Formen: Präludium in e-Moll, Canon in E-Dur, Toccata in d-Moll und Fuge in D-Dur greifen auf barocke Vorbilder zurück, wobei die Fuge als grandiose Steigerung von Dynamik und Tempo angelegt ist. Kyrie eleison, Gloria in excelsis, Benedictus und Te Deum stellen ein Repertoire für das Messordinarium bereit — vielleicht ein Ausgleich zu den sonst dominierenden protestantischen Chorälen in Regers Orgelschaffen. Pastorale in F-Dur, Intermezzo in a-Moll, Capriccio in fis-Moll und Melodia vertreten das romantische Charakterstück, wie es auch aus Regers eigenen kürzeren Klavierwerken bekannt ist.
Immer wiederkehrendes Element dieser kleineren Orgelwerke ist die dreiteilige Form mit kontrastierend angelegtem Mittelteil und variierter Reprise. Die wechselnden Stimmungen entsprechen den drei Grundzügen, die Lindner an Regers Komponieren beschrieb: dem Trotzig-Titanisch-Dämonischen, dem Humoristisch-Burlesken und dem Innigen. Verkaufs- und Auflagenzahlen belegen, wie beliebt diese erste Sammlung von Charakterstücken wurde; die Toccata in d-Moll zählt bis heute zu den am häufigsten aufgeführten Orgelstücken Regers, und das Benedictus in seiner verklärten Stimmung gilt in der Literatur, mit einem Wort Bruno Weigls, als eines der schönsten und innerlichsten Werke des Komponisten.
Parallel zu den Sammlungen kürzerer Charakterstücke entstanden die Choralvorspiel-Sammlungen op. 67 und Op. 79b. Als op. 79 hatte Reger, zunächst widerwillig und auf Verlegerwunsch, mehrere Werke für die kirchenmusikalische Alltagsarbeit als „Haus- und Kirchenmusik“ zusammengefasst; die Kompositionen für Orgel (13 Choralvorspiele) Op. 79b schließen unmittelbar daran an. Sie versammeln überwiegend einzelne Vorspiele, die Reger zuvor für Monatssammlungen kirchlicher Gebrauchskunst geschrieben hatte, und wählen die Choräle nach rein pragmatischen Gesichtspunkten aus: die seinerzeit bekanntesten Melodien der organistischen Praxis. Ähnlich wie in op. 67 knüpft Reger mit Fugati, kanonischer Technik und Durchführungen der Melodie in Sopran, Tenor und Bass an barocke Vorbilder an, die oft an Bachs Orgelbüchlein erinnern, beschränkt sich in den technischen und kompositorischen Anforderungen aber immer stärker — ein Weg der Vereinfachung, der bis zu den schlichten Akkordsätzen von op. 135a führen sollte.
Aufgenommen wurde der Band vom 25. bis 27. März 2015 an der Wilhelm-Sauer-Orgel op. 1020 der Erlöserkirche Bad Homburg, einer der größten erhaltenen Orgeln ihres Erbauers. Bei der Restaurierung durch die Firma Förster und Nicolaus (Lich) 1990/91 kam ein viertes Manual als zweites Schwellwerk hinzu, gebaut auf originalen Windladen einer in der Nachbarschaft abgebauten Wilhelm-Sauer-Orgel, damit sich auch die großen Werke der deutschen Romantik darstellen lassen. Das Fernwerk dient nahezu ausschließlich als Effektwerk; einige seiner Register wurden nach historischen Vorbildern gebaut — die Clarinette etwa ist dem gleichnamigen Register der Berliner Domorgel nachgebaut —, andere stehen im französisch-symphonischen Stil, den Wilhelm Sauer nach einem Aufenthalt in der Werkstatt von Aristide Cavaillé-Coll in Paris teilweise in seine Instrumente aufnahm. Die Einspielung war für die International Classical Music Awards (ICMA) nominiert.
