1897 hatte sich Max Regers Lage zugespitzt: Seine Stücke stießen auf teils heftige Ablehnung, der Verleger Augener kehrte sich von ihm ab, und in Musikerkreisen galt er als der „verrückte Reger“. Vorausgegangen war ein katastrophales Jahr als Einjährig-Freiwilliger, das ihn gesundheitlich und finanziell ruinierte. Seine Schwester Emma bewog ihn zur Rückkehr ins Elternhaus nach Weiden, und dort, befreit vom existenziellen Druck und unter dem Eindruck intensiver Lektüre, begann die produktivste Phase seines Orgelschaffens: „Die Kompositionen wachsen wie das reinste Unkraut.“ Adalbert Lindner, Regers erster Lehrer, überraschte ihn in diesen Monaten immer wieder bei Lektüre und Studium geistlicher Texte und Melodien. Als formales Vorbild diente die kurz zuvor erschienene Phantasie über „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ Op. 25 des Berliner Organisten Heinrich Reimann mit der Abfolge Introduktion — Variationen — Fuge.
Über die Phantasie für Orgel über den Choral „Ein’ feste Burg ist unser Gott“ Op. 27 schrieb Reger selbst, unter Beibehaltung der Choralmelodie als cantus firmus sei jeder Vers musikalisch illustriert; es sei „das Beste, was ich bisher geschrieben“. Die erste Strophe verschränkt einen fanfarenartigen Beginn, blockhafte Choraleinschübe und einen quasi-barocken Triosatz und stellt damit die beiden Ebenen des Textes nebeneinander: Christus als Held und Retter und den Feind, der Not und Angst hervorruft. In der zweiten Strophe liegt der Choral im Tenor des Pedals, umspielt von elegischen Manualfiguren und unterbrochen von den Akkordblöcken des Anfangs. Eine allmähliche Steigerung führt zur dritten Strophe, die mit Doppelpedal und abgerissenen Akkordfolgen „Tod und Teufel“ illustriert; das Schlussfugato mündet nach kurzem Pianissimo in eine Akkord-Apotheose. Karl Straube bezeichnete die Phantasie als ein kolossales Werk und als das genialste, das über diesen Choral erschienen sei.
Dass Op. 27 und die Phantasie über „Freu’ dich sehr, o meine Seele!“ Op. 30 als Kontrastpaar gedacht waren, zeigt schon die ursprüngliche Bezeichnung als Op. 27a und b; hinzu kommt eine motivische Klammer, denn als wiederkehrendes Zwischenspielmotiv erklingt in Op. 30 der Beginn von „Ein’ feste Burg“ in Moll. Lindner beschrieb die beiden vergleichend als Verkörperung des Glänzenden, Heldenhaften und Lebensbejahenden einerseits, des Trüben, Schmerzlichen und der Todesangst andererseits. Nach heiterem, fast barock figuriertem Beginn, den dissonante Akkordballungen sofort unterbrechen, schwenkt Reger schon in der ersten Strophe bei den Worten „Trübsal und Leid“ in einen chromatischen, harmonisch dichten Stil. Die Strophen werden oft mitten im Vers zerrissen: kolorierte Melodie-Umspielungen, rasende Ausbrüche mit Doppelpedal, Seufzermotive, chromatisches Erlöschen. Erst der Tripelkanon über den cantus firmus führt zu einem versöhnlichen Schluss.
Auch das ein Jahr später entstandene Op. 40 ist ein Kontrastpaar. Die Phantasie über „Wie schön leucht’t uns der Morgenstern“ führt von einer eruptiv zerrissenen Introduktion über zwei ebenmäßig geführte Steigerungen zur ersten Fuge in Regers Choralphantasien, die sich rasch mit der Choralmelodie verbindet; ihren Mittelpunkt bildet die kolorierte Ausgestaltung der dritten Strophe, die Karl Straube angeregt hatte. Um die Schlusswirkung nicht zu relativieren, verzichtete Reger auf die Vertonung der letzten Strophe des Originaltextes. Straube zufolge war das Werk geschrieben, um Reimanns Phantasie über denselben Choral an die Wand zu drücken. Die im Herbst 1899 nachgetragene Phantasie über „Straf mich nicht in deinem Zorn!“ nannte Reger „ein miserabel-schweres Stück Musik“, das bei seiner Neigung zur Mystik nicht leichter habe ausfallen können. Sie ist kleinteilig angelegt, mit oft abrupt wechselnden Stimmungen; verbindendes Element ist die chromatisch absteigende Dreitonfolge des Beginns, die Reger in allen Choralphantasien als Illustration von Sünde, Schuld und Not verwendet. Ein fugenartiger Abschnitt fehlt hier — wohl wegen der Schwermut des Textes.
Aufgenommen wurde der Band vom 22. bis 24. März 2015 in der Erlöserkirche Bad Homburg, einem der bedeutendsten wilhelminischen Kirchenbauten mit seiner Verbindung aus Jugendstil, Neoromanik und byzantinischen Stilmitteln. Die Wilhelm-Sauer-Orgel op. 1020 von 1908 verfügt über eine Besonderheit, die manche Klänge wie aus weiter Ferne von oben herab erscheinen lässt: das Fernwerk in eigenem Gehäuse über der Hauptorgel, dessen Klang über einen langen Schallkanal am anderen Ende der Kirche im Altarraum austritt. Nicht alles lief dabei reibungslos: Als die Setzer-Platine durchschmorte, mit der sich Registrierungen abspeichern lassen, fuhr der Orgelbauer Thomas Küpper noch in derselben Nacht nach Göttingen, um beim Hersteller Ersatz zu besorgen. Als Registranten wirkten Marie Schmeding und Tomasz Zebura mit. Die Einspielung war für die International Classical Music Awards (ICMA) nominiert.
