Als Günther Becker seiner Komposition für Fagott und Ensemble den Titel Hard Times — Multisounds gab, dachte er wohl nicht unmittelbar an die missliche Lage der neuen Musik — er gehört ja gerade zu denen, die für sie kämpfen. Die Übernahme von Charles Dickens’ Romantitel steht eher rückblickend für die eigene wechselhafte Biografie und gedenkt der langjährigen Freundschaft mit dem koreanischen Komponisten Isang Yun, der Jahre in Haft und Folter verbringen musste: 1943 in den Gefängnissen der japanischen Besatzer, von 1967 bis 1969 in den Zellen des südkoreanischen Geheimdienstes, wohin er — wegen vermeintlicher Agententätigkeit für Nordkorea — von Berlin aus entführt worden war; nach internationalen Protesten wurde er entlassen und lebte weiter in Deutschland.
Die Zueignung an Yun zeigt sich in der Wahl des Soloinstruments: Das Fagott repräsentiert als Angehöriges der Oboenfamilie die traditionelle koreanische Oboe piri — so auch der Titel einer Komposition Yuns von 1971 —, und die vom Fagott verlangten Mehrklänge, in Europa erst seit gut zwei Jahrzehnten etabliert, gehören bei den Blasinstrumenten der asiatischen Musik seit langem zum Spiel. Das Basismaterial entstammt dem Stück Sphinxes aus Robert Schumanns Carnaval op. 9, in dem Schumann bewusst Töne auswählte, deren Namen ein inneres Programm offenbaren und auf Asch in Böhmen verweisen, den Wohnort seiner ersten Verlobten Ernestine von Fricken. Becker überträgt diese Vorgaben in die Tonsprache des 20. Jahrhunderts und erweitert sie zu einer Zwölftonreihe.
Historische Bezugnahme bezeugt auch das für Violine solo geschriebene Stravaganza von 1986: Carlo Farina, Monteverdi-Schüler und einer der virtuosesten Geiger seiner Zeit, hatte in seinem Capriccio stravagante von 1626 alle Spielweisen versammelt, die damals auf der Violine möglich und neu waren — eine Kompilation gleichen Anspruchs unternimmt Becker hier. Rigolo von 1966 für hohe Stimme, fünf Instrumente und Tonband verweist auf Verdis Rigoletto, meint damit aber nicht dessen Bühnenwerk, sondern ganz allgemein die Institution der italienischen Oper und besonders den Primadonnenkult, den Becker ironisch-ernst musikalisiert.
Die Hysterie der lachend-weinenden Sopranistin wird von verschiedenen, auskomponierten Arten des Lachens vom Tonband kommentiert — Freude, Häme, Spott. Zum Schluss geht die Primadonna im monotonen Fortissimo aller Instrumente unter, das der Dirigent abrupt abbricht: So scheint die Sängerin plötzlich ganz allein dazustehen. Epiklesis Alpha von 1976 für Kammerensemble und Tonband heißt „erste Anrufung“, gemeint ist aber nicht die orthodox-liturgische Anrufung des Heiligen Geistes, sondern die ursprüngliche Einheit von Musik und mystischer Erkenntnis des unnennbaren Gottes. Frei von außermusikalischen Bezügen sind die Mikrographien von 1973 für Klavier, in deren vier äußerst konzisen Stücken dichteste Ereignisfelder aufeinandertreffen, und Game for nine von 1962, in dessen Zentrum das Spielen mit den Instrumenten und untereinander steht: Grenzbezirke der Spieltechniken werden ausgelotet und kombiniert, um das Herkömmliche aufzuweichen.
Das notabu.ensemble neue musik entstand 1983 als Initiative von Musikstudenten der Robert Schumann Hochschule Düsseldorf. Schon in der Anfangszeit entwickelte sich eine enge und freundschaftliche Beziehung zu Günther Becker, der die Gruppe maßgeblich unterstützte; Einladungen zur ensembletta in Mönchengladbach, zum Rheinischen Musikfest, zu den Braunschweiger Tagen für Neue Musik und an die Akademie der Künste in Berlin folgten, und seit 1988 gastiert das Ensemble regelmäßig in Konzerten der Düsseldorfer Symphoniker. Aufgenommen wurde von Februar bis Juni 1996 im Forum Niederberg in Velbert; die CD spielt 73:49.
