„Words? Music? No, it’s what’s behind.“ Mit diesem Satz von James Joyce beginnt Saskia Reither ihr Vorwort. Die begriffliche Sprache und die an keinen Gegenstand gebundene Musik fordern einander heraus; das Spannungsfeld reicht vom musikalischen Erfassen der Wortbedeutung über die Verarbeitung von Sprachsamples bis zum verinnerlichten „Sprechen“ einer Klangwelt. Nicht mehr der Vorrang einer der beiden Künste steht im Vordergrund, sondern das, was im Zwischenraum von Wort und Klang entsteht.
„verSTIMMUNG“ ist eine vierkanalige Komposition, deren Klänge bis auf eine kurze Sequenz ausschließlich aus Sprachmaterial abgeleitet sind. Das zugrunde liegende Gedicht von Angelika Janz, gesprochen von Patrick Hagen, liefert zugleich das Klangrepertoire und die Struktur der gesamten Form; im Verlauf wird das Material „verstimmlicht“ und wird wieder zu Sprache. Das Stück wurde für die ICMC 1996 in Hongkong ausgewählt. Javier Alejandro Garavaglia legt „Arte poética (I)“ die erste Strophe von Borges’ Gedicht zugrunde und hebt die Worte für Fluss und Wasser, Zeit und Erinnern sowie für das Betrachten hervor; im ersten der beiden vierminütigen Teile führt das Element Wasser, im zweiten die Zeit. Es ist das erste Stück einer geplanten Reihe von sieben, entstanden am ICEM mit Csound, Common Music, einem Akai-Sampler und ProTools.
In „Cral’une“, dem das Heft einen Text von Toula Limnaios beigibt, greift Ralf R. Ollertz die Stimme als Geste auf: Das Material bezieht sich auf keine dichterische Vorlage, integriert aber Sequenzen einer authentischen Schallplattenaufnahme einer Singstimme, in die Ollertz nicht eingreift. Friedhelm H. Hartmann dagegen verändert sein Material. Sein siebenteiliger Zyklus „Portraits of a woman“ beruht auf wenigen Sprachsamples, mit Csound synthetisiert und in seiner eigenen algorithmischen Sprache Celsyus formuliert; in den beiden Teilen bildet einmal ein engmaschiges dreistimmiges Stimmgewebe ein Klangband, dessen innere Bewegung Markov-Prozesse bestimmen, einmal beziehen sich erweiterte Filterungen auf den kurzen Ausschnitt einer Fantasiesprache.
Ludger Brümmers „Dele!“, ein Auftragswerk der Akademie der Künste Berlin und in deren elektronischem Studio komponiert, geht von zwei kurzen Samples schreiender und spielender Kinder aus, die mit dem Phase Vocoder gefiltert, transponiert und gedehnt werden, bis der Ursprung nicht mehr zu erkennen ist. Lange Lautstärkerampen münden in Akzente, in denen binnen Sekundenbruchteilen mehr als zwölf Klangstrukturen wechseln. Gerald Eckert versteht den Titel „Diaphane“, durchscheinend, konzeptionell: Eine komplexe Klangschicht wird von andersartigen Schichten überlagert, wie eine Fläche unter dem durch ein Prisma gebrochenen Licht. Das konkrete Material aus Schlagzeug-, Sprach- und Maschinenklängen wurde digital bearbeitet, die Klangstrukturen entstanden mit Csound.
