„Ils voudraient avoir un corps“ – mit dieser Zeile von Paul Eluard beginnt Saskia Reither ihr Vorwort. Alle drei Stücke gehen von einem Ausgangsmaterial aus, synthetisch erzeugten Klangpunkten, Klangkomplexen oder einer bestehenden Komposition, dem Hall und die Verteilung auf mehrere Lautsprecher den Eindruck von Räumlichkeit geben. Nähe und Ferne sind dabei an zeitliche Strukturen gebunden: Kurze Partikel reihen sich zu anhaltenden Klängen, komplexe Klänge zerfallen in einzelne Punkte, gedehnte Zeit wird als räumliche Ausdehnung hörbar. Dirk Reith, künstlerischer Leiter des ICEM (Institut für Computermusik und elektronische Medien) der Folkwang-Hochschule, ist auch Gründer des Internationalen Festivals für Computermusik und Medienkunst EX MACHINA in Essen.
Gerald Eckert komponierte „Aux mains de l’espace“ für Vierkanal-Tonband 1992/93 am Synlab-Analogsynthesizer des ICEM. Die rhythmisch unregelmäßigen Klangpunkte entstanden durch extreme Übersteuerung von Filtern; Lautsprecherverteilung und Hall geben ihnen eigene geometrische Bewegungen im Raum. Ein weiterer Prozess besteht allein aus Hallanteilen, deren Originalsignale weggeschnitten wurden. Nach einer Generalpause von zehn Sekunden folgt eine Schlusssequenz aus tief transponiertem, zuvor kaum verwendetem Material. Auch die Eigenheiten des Synlab, etwa seine thermische Instabilität, wurden Teil des Kompositionsprozesses. Eluards Gedicht „Les Tours du Silence“ wählte Eckert erst nach Abschluss des Stücks, als assoziativen, nicht programmatischen Bezug.
„nahe zu fern“ ist für acht Lautsprecher geschrieben, heute auch in einer Fassung für zwei. Elektronisch erzeugte, nicht gesampelte Instrumentalklänge sind auf dem Tonband auf vier Kanäle verteilt und mit künstlichem Nachhall so bearbeitet, dass der Hörer „pulsierende“ Räume wahrnimmt, die ständig ihr Volumen ändern. Das Spannungsfeld zwischen Nähe und Ferne, zwischen Präsenz und Verwischung wird zum allgemeinen kompositorischen Prinzip. Dirk Reith, 1947 geboren, studierte bei Milko Kelemen in Düsseldorf und bei Gottfried Michael Koenig in Utrecht und baute seit Anfang der 1970er Jahre das Elektronische Studio der Folkwang-Hochschule auf.
Vorbild für „La cloche sans vallées“ ist die Technik des Cantus firmus, bei der eine gregorianische Melodie einer neuen Komposition zugrunde liegt. Alle Klänge gehen aus einem einzigen Sample hervor, „La vallée des cloches“ aus Ravels Zyklus „Miroirs“, das in Klangpartikel von bis zu 0,002 Sekunden zerlegt wird. Ritardando und Accelerando bestimmen die Form: Die ersten 560 Sekunden erklingen in sieben Stufen, jeweils beschleunigt und verkürzt, bis sie zu einem kurzen Knall schrumpfen; aus ihm dehnt sich eine neue Struktur, die in einem Ravel-Zitat endet, von sich selbst in Quarttransposition begleitet. Ludger Brümmer, 1991 bis 1993 DAAD-Stipendiat am Center for Computer Research in Music and Acoustics (CCRMA) der Stanford University, realisierte das Stück dort 1993 mit Common Lisp Music und Common Music.
