Dem Instrumentenbauer Helmut Bleffert ist mit der Campanula eine ernstzunehmende Bereicherung der Streicherfamilie gelungen. Das 1985 nach mehrjähriger Entwicklung und akustischen wie physikalischen Untersuchungen fertiggestellte Instrument greift die Idee der Resonanzsaiten wieder auf, wie sie die Viola d’amore oder der Baryton kennen, und führt sie eigenständig weiter. Durch die Stimmung der vier Spielsaiten in Quinten und durch die Mensur ist die Campanula dem Violoncello verwandt.
Sechzehn diatonisch von F bis g’ gestimmte Resonanzsaiten verlaufen parallel zu beiden Seiten des Griffbretts und können bei Bedarf anders eingestimmt werden; ihre klang- und obertonstützende Wirkung kommt durch die Bauweise weit deutlicher zum Tragen als beim Baryton. Die Umrisslinie des Korpus gleicht dem Längsschnitt durch eine Glockenblume — diese Form und der Vergleich mit dem Obertonspektrum von Glocken haben dem Instrument seinen Namen gegeben. Der Klang ist obertonreich, warm und weich, wie pedalisiert.
Michael Denhoff, Komponist und Cellist, setzte sich seit 1985 als erster Musiker für das Instrument ein. Er betont, man möge die Klangeigenschaften der Campanula nicht gegen die des Violoncellos ausspielen — sie sei ein eigenständiges Instrument; wegen der Pedalwirkung und ihrer Farbe eigne sie sich aber besonders für die Literatur des Barock, als mögliche Alternative zur Gambe oder zum Violoncello.
Entsprechend beginnt dieses erste Album mit Bach: dem Praeludium aus der Suite Nr. 2 in d-Moll BWV 1008, später folgt die Sarabande aus der Suite Nr. 5 in c-Moll BWV 1011. Dazwischen stehen Volker Blumenthalers Canto von 1984, Denhoffs fünfteiliges Wenn aber… (Monolog II, in memoriam C. S.) von 1987, die Vier kurzen Studien von Bernd Alois Zimmermann aus seinem Todesjahr 1970 und György Kurtags kurzes Stück Janos Pilinszky, Gerard de Nerval von 1986. Den Schluss bildet Denhoffs Circula el tiempo von 1994 in einer Fassung für vier Campanulen: In einem volldigitalen Playback-Verfahren spielte der Interpret vier verschiedene Fassungen ein, die anschließend einzeln geschnitten und digital zusammengemischt wurden.
Kurtag hat die Übertragung seines Stücks auf die Campanula ausdrücklich empfohlen, nachdem er das Instrument durch Denhoff kennengelernt hatte. Auch Blumenthalers Canto, ursprünglich als Schlussteil eines längeren Cellowerks gedacht, erklingt in einer autorisierten Fassung; seine lang gezogenen Melodietöne bringen die Resonanzsaiten zum Schwingen. Zimmermanns Studien entstanden im Frühjahr 1970 auf Anregung von Siegfried Palm. Aufgenommen wurde vom 15. bis 18. Mai 1995 in der Heilig-Geist-Kirche in Hochdahl.
Denhoffs Wenn aber… verlangt eine Skordatur, bei der die G-Saite nach Es herabgestimmt wird; der Komponist nennt das Stück ein Requiem für einen ehemaligen Schüler und Freund. Denhoff, als Cellist unter anderem Schüler von Siegfried Palm, gewann 1986 mit Y sobre los instantes für drei Campanulen, dem ersten Originalwerk für das Instrument, den Kölner Bernd-Alois-Zimmermann-Kompositionswettbewerb. Die CD spielt 54:03.
